irgendwann bleiben wir dann dort?

Gestern Letzens hab ich im Online-Standard einen ziemlich weirden Artikel zu Griechenland gelesen – pittoreske Ideen tummeln sich in dieser wirtschaftssjournalistischer Glanzleistung. Zu Beginn recht vielversprechend für jene, die postkeynesianische Ausflüge in Mainstream-Medien aufregend finden, fragt der Artikel, wie die griechische Wirtschaft angesichts des verordneten Sparzwangs um Himmels willen denn jemals wieder auf die  Beine kommen soll. Ein griechischer Ökonom, George Pagoulatos, wird mit folgendem Vorschlag zitiert:

Pagoulatos schlägt daher vor, Griechenland in ein „neues Florida“ umzuwandeln. „In den kommenden zehn Jahren wird es in Europa 50 Millionen neue Pensionisten geben, die müssen wir holen.“ Der griechische Staat sitzt auf Land im Wert von bis zu 300 Milliarden Euro, jede Menge Grundstücke für Rentner also.

Wegen angeblich mangelnder Alternativen fordern auch andere, denTourismus in neuen Bahnen zu forcieren. Der Chef der Athener Börse, Sypros Capralos, denkt an, Staatsländereien über Kapitalgesellschaften an die Börse zu bringen.

Allerdings sind Landverkäufe wegen strenger Umweltauflagen nur schwer umzusetzen, wendet der Abgeordnete der regierenden Pasok, Athanassios Alevras, ein.

Griechenland muss Florida werden! Yeah! Das ist die Idee des JAHRHUNDERTS! Schicken wir doch alle alten Leute an die Ägäis, ein paar Investitionen in die dortigen geriatrischen Stationen und die Überweisungen der nordeuropäischen Pensionen an Neo-GriechInnen, die krebsrot am Strand sitzen, wird wie ein wohltuender Regen auf Griechenlands Leistungsbilanz herunterfallen. Ich sehe den Werbespot im Hauptabendprogramm bildlich vor mir (auch STS wird an den Songrechten kräftig mitverdienen). Klingt nach einer durchdachten, nachhaltigen Strategie.

Wenig Leute scheinen sich ernsthaft Gedanken über sinnvolle wirtschaftspolitische Strategien für Griechenland zu machen. Werner Raza, Elisabeth Springler und Joachim Becker, die heute am 11. 5. im Republikanischen Club über die Krise diskutierten, sind einige von ihnen. Zwei von ihnen darf ich dieses Semester als LehrveranstaltungsleiterInnen kennen lernen, und ich beiß mir in den A*, dass ich es nicht geschafft habe, hinzugehen – wer dort ist war und vielleicht eine kurze Zusammenfassung der Diskussion zur Verfügung stellen kann, dem/der ist meine unendliche Dankbarkeit sicher.

Joachim Becker hat letztens außerdem einen „nicht sehr fantasievollen“, wie er meinte, aber einleuchtenden Gedanken mit uns Studierenden geteilt: In Griechenland werden der private Konsum und die Staatsausgaben zurückgehen. Daher ist zu erwarten, dass auch die Wirtschaftsleistung sinkt. Der Wachstums- und Stabilitätspakt („Maastricht-Kriterien“) fordert von den Euro-Ländern eine Neuverschuldungsquote von unter 3%, gemessen an der Wirtschaftsleistung. Wenn die Wirtschaftsleistung in Griechenland aber dank IWF und EU-„Hilfe“ zurückgehen wird, was passiert dann? Die Verschuldung im Vergleich zum BIP steigt.

Nachhaltige Wege aus der Krise müssen anders aussehen.

PS: ich freue mich über sinnvollen Lesestoff zum Thema! Wer gute Sachen weiß, immer nur her damit! Ich verlinke sie dann hier für die geschätzten 2-3 Leute in meiner gigantischen LeserInnenschaft, die das interessiert.

Die griechische Schuldenkrise, von Martin Konecny (SJÖ)

Analyse der Bank Austria (nicht von der Quelle abschrecken lassen, interessante Makro-Daten, argumentiert für stärkere EU-WiPol-Koordinierung und erklärt ganz gut, welche Schuld die deutsche und österreichische WiPol am Griechenland-Debakel hat)

Aus der Zeitschrift Analyse und Kritik ein Überblicksartikel mit Links zu detailierteren Analysen, dieser Artikel beschäftigt sich zum Beispiel ein wenig mit dem institutionellen Korruptionsproblem in Griechenland, beleuchtet aber auch dort den Einfluss von Deutschland, Großbritannien und Frankreich.

Positionspapier des wissenschaftlichen Beirats von Attac Deutschland

Advertisements

3 Kommentare

Eingeordnet unter economy for everyone, seriously?, sirius black

3 Antworten zu “irgendwann bleiben wir dann dort?

  1. philipp

    eine brauchbare zusammentragung von artikel findest du hier : http://www.akweb.de/ak_s/ak549/griechenland.htm

  2. jakob

    ich find das positionspapier des wissenschaftlichen beirats von attac deutschland bietet auch eine spannende analyse (plus ableitungen…)

    http://www.attac-netzwerk.de/fileadmin/user_upload/bundesebene/Pressegruppe/100507%20Positionspapier%20Wissenschaftlicher%20Beirat%20Attac%20zu%20Griechenland_01.pdf

  3. Pingback: Tweets that mention irgendwann bleiben wir dann dort? « Eva Maltschnig's Blog -- Topsy.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s