Atomkraft nein Danke – und was dann?

Der Aufschrei war groß: „Ich habs euch ja gesagt“ lautete der Subtext zahlreicher Facebook-Postings betreffend der Reaktor-Unfälle in Japan. Ich finde, hier wurde ziemlich selbstgerecht zur „Katastropheninformation“ beigetragen. Was aber für Japan (und den Rest der Welt) die Alternative zu Energie duch Kernspaltung wäre, das wissen die PosterInnen auch nicht.

Zu Japan (Infos aus dem gestrigen Im Zentrum und dem heutigen Interview mit einem der Science Busters – Professoren auf FM4):

  • In Japan stehen 55 AKWs
  • Japan hat die Möglichkeit der Energiegewinnung aus sauberen Quellen fast ausgereizt. An jeder möglichen Stelle wurde ein Staudamm gebaut, Solarenergie ist weit verbreitet, Windenergie kann aufgrund geographisch ungünstiger Verhältnisse (Taifuns!) kaum genutzt werden.
  • Japan verbraucht momentan rund 34,24 Barrel pro Kopf und Tag an Erdöl (Quelle: EIA 2009), im Vergleich dazu liegen die USA bei 60,4, Deutschland bei 29,9 BPD
  • Japan hat keine nennenswerten Rohstoffvorkommen, die zur Energieerzeugung genutzt werden könnten.

So, jetzt sollen die JapanerInnen also aus der Atomkraft aussteigen. Und dann? Dann müssten sie importieren: Kohle, Flüssiggas und Öl. In rauen Mengen. Und damit dann Strom erzeugen. Der weit verbreitete Mythos, dass Kohlekraftwerke in den 1970ern ausgestorben sind, wird ja bereits von den USA widerlegt. Dort wird die Hälfte der benötigten Elektrizität in Kohlekraftwerken erzeugt, diese Drecksschleudern sind auch ein wichtiger Grund für das Klimaproblem der USA. Und Japan soll auch diese Strategie verfolgen? Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Nicht aus sicherheitspolitischer Perspektive (China möchte auch Kohle haben, dann konkurrieren die am Weltmarkt, und diese Ölrenten-Regimes à la Saudi-Arabien über Gebühr zu unterstützen, ist auch nicht so großartig.), nicht aus wirtschaftspolitischer Perspektive (Die japanische Wirtschaft hätte dann vermehrt horrende und/oder extrem volatile Rohstoffpreise in ihrem ohnehin bereits jetzt schon sehr umfangreichen Wirtschaftsprobleme-Portfolio.) und schon gar nicht aus ökologischer Perspektive!

Ich bin die letzte, die für Atomkraft als saubere Energiealternative plädiert. Mit etwas Strom zu erzeugen, das auf Jahrtausende alles umbringen kann, was auch nur in die Nähe kommt, ist nicht klug. Es ist aber auch nicht klug, aus der Atomkraft auszusteigen, ohne saubere Alternativen anbieten zu können. Und mit ein paar Photovoltaik-Zellen ists hier nicht getan – die japanische Regierung setzte sich 2007 als Ziel, bis 2030 den Atomstromanteil am Gesamtverbrauch von 30 auf 40 Prozent zu steigern. Diesen Anteil im Elektrizitätsmarkt zu füllen, ist mit den momentan verfügbaren alternativen Energien einfach nicht möglich, glaube ich. Wenns so einfach wäre, hätten sies wohl schon gemacht.

Im Zentrum meinte gestern ein Typ, dass höchstens Energiesparpotentiale in privaten Haushalten ausgenützt werden könnten, denn die Wirtschaft hätte sich ohnehin schon so bemüht. Energiesparlampen, keine beheizten Klobrillen, so Zeugs halt.

Wiewohl ich davon überzeugt bin, dass individuelle Energiespar-Anstrengungen extrem viel Sinn machen, glaube ich, dass es nicht ausreichen wird, das Licht im Vorhaus abzudrehen, wenn wir auf Dauer ohne klimaschädliche und ganze Landstriche verseuchende Energieträger auskommen wollen. Wer nur von nachwachsenden Rohstoffen lebt, muss sich ziemlich einschränken: Keine Autos, keine Flugzeuge, keine Computer, keine Handys, keine elektrischen Zahnbürsten, keine Haarföhns, keine Heizungen, ich weiß nicht was alles noch nicht. Vielleicht auch keine Züge und kein Transport mehr außer Fahrräder. Ziemlich beklemmend, diese Vorstellung. Ein Wohlstandsverlust (gemessen an der Verfügbarkeit von Konsumgütern, Mobilität, Bequemlichkeit) geht damit in jedem Fall einher. Ich glaube, irgendeine Generation auf dem Planeten muss sich damit arrangieren, ich versteh aber durchaus, dass viele in Anbetracht dieser Alternative die Sintflut hinter sich akzeptieren.

Noch ein Lesetipp am Schluss: In „The Windup Girl“ von Paolo Bacigalupi gibts keine fossilen Brennstoffe mehr – in Federn gespeicherte Muskelkraft ist der wichtigste Energieträger. Coole Biopunk-Sci-Fi, ausgezeichnet konstruierte Welt. Aber dort leben?

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter clever shit, serious, sirius black

2 Antworten zu “Atomkraft nein Danke – und was dann?

  1. niklas

    Hallo Eva,

    ein Blog um ein bisschen kontrovers zu diskutieren und damit eine Gegenposition zum Mainstream zu schreiben – schön.

    Ein lustiger Verweis darin ist dass Windkraftanlagen von einem Taifun getroffen werden könnte, das ist wohl das geringste Problem was die Japaner haben könnte. Da scheint mir doch deutlich einfacher ein Erdbeben trifft auf eine AKW und es kommt zu einer Kernschmelze.

    Weil du im Blog wenn du über Erneuerbare Energien sprichst, formulierst „glaube ich“, schick ich dir den Link
    http://www.energyblueprint.info/533.0.html
    Vielleicht glaubst ja weniger, dass es keine Umstiegsszenarien Richtung Erneuerbare Energien gibt. Gerade für die drittstärkste Volkswirtschaft der Welt.

    lg
    Niklas

  2. evamal

    Vielen Dank für die Infos! Ich schließe daraus – wir müssen nicht alle sterben, das find ich gut. Im übrigen war ich nicht der Meinung, dass es keine Umstiegsszenarien gäbe, ich bin bloß skeptisch, dass es so leicht ist, wie das immer vermittelt wird, bzw. dass das ohne großen Systemwandel und alleine mit Energieeffizienzkriterien zu bewältigen ist. Und ich mag dieses „schalten wir jetzt alle Atomkraftwerke ab“-Dings nicht so gerne, weil die politischen Maßnahmen zur Energiesubstitutuion ohne entsprechenden Paradigmenwechsel wohl ohnehin nur Richtung fossile Energien gehen würden. Und diese Pest/Cholera Auswahl find ich ein bisschen unsexy.

    Ich hab noch ein paar Fragen, vielleicht kannst du die zufällig auch beantworten:

    – der Typ bei Im Zentrum meinte gesten eben, dass Windkraftwerke nicht in Taifun-Gegenden (wie scheinbar Japan eine ist), montiert werden können und das deshalb keine Option für Japan ist. Stimmt das?
    – welche Potentiale gibts in Japan noch bei der Geothermischen Energie (in Prozent an der Primärenergieproduktion)?
    – wo find ich auf der Homepage die genauen Angaben, welche Daten für das „Energy Revolution“ scenario getroffen werden?

    liebe grüße,
    eva

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s