Grenzen überschreiten

Na dann hab ich mich heute tatsächlich in die Bibliothek begeben – zwar schmilzt mensch dort bei gleichzeitigem Wasserflaschenverbot (keine gute Umwelt für Evas mit niedrigem Blutdruck), aber die Gesellschaft ist nett und die Lektüre gar nicht so fad wie gedacht. Thematisch heut „in da Reissn“ [Anm.: = „in Bearbeitung“ auf nicht-Hochdeutsch] : Alfred Schütz, Peter L.Berger und Thomas Luckmann sowie Anke Abraham und die Rosenthals – vereint gegen meinen Allzeit-Helden Pierre Bourdieu. Ein Drama mit offenem Ausgang.

Wer das noch nicht mitbekommen hat: Wäre ich nicht so feige, dann ließe ich mir ein „Pierre Bourdieu“ – Herz mit Pfeil auf den Oberarm tätwoieren. Er war meine erste große Liebe was sozialwissenschaftliche TheoretikerInnen angeht, Karl Marx kam da nie auch nur ansatzweise ran. Bis vor Kurzem dachte ich, er sei fehlerlos. Jetzt weiß ich, er ist es nicht: Er hat das sozialwissenschaftliche Potenzial, das in der Biografieforschung steckt, verkannt. In einem seiner Texte (Die Biographische Illusion) erklärt er polemisch (wie es halt seine Art ist…), dass die Analyse einer einzigen Lebensgeschichte in etwa so sinnvoll sei, als würde mensch bei dem Versuch, etwas über ein U-Bahnnetz herauszufinden, sich nur eine einzige Linie davon ansehen und die Kreuzungspunkte ignorieren. Was ein biografisches Ereignis bedeutet, kann mensch nach Bourdieu immer erst dann wissen, wenn es im sozialen Feld kontextualisiert wurde. Wenn irgendwer Chefin von Unternehmen A wird, müsste ich als Forscherin herausfinden, welche Kapitalverknüfpungen (Bekanntschaften, Geld, Prestige…) mit der Position verbunden sind, um bewerten zu können, ob sie z.B. gesellschaftlich auf- oder abgestiegen ist.

Zugegeben, ich hab den Text erst auf Google Books überflogen, aber ich glaub da verkennt der Gute sein eigenes Konzept von Gesellschaft.

Biografieforschung ist ja deshalb spannend, weil sie zeigt, wie Menschen mit von ihnen nicht beeinflussbaren Dingen umgehen. Was tun sie, wenn ein Krieg kommt, sie krank werden, sie Geld erben…? Bei Theorien des Sozialen ist es ja normalerweise immer so ne Sache: Entweder sie sagen, die Menschen können sowieso alles total individuell und rational entscheiden, oder sie rekurrieren auf irgendwelche halb-mystischen sozialen Systeme, die sie recht elaboriert beschreiben, in der aber keine einzige konkrete Handlung eines Menschens vorkommt. In der Synthese dieses konzeptuellen Problems haben sich oben genannte AutorInnen versucht (auch Bourdieu), sie kamen zu ähnlichen Schlüssen: Beides – Struktur und Individuum spielen eine Rolle. Themen wie Alltagsbewusstsein, Alltagswissen, Reflexion, die Herausbildung von Sinnstrukturen und Sozialsationsprozesse kommen bei allen vor. Alle außer Bourdieu finden aber, dass gerade Biografien zeigen, wie diese Themen in einem konkreten Menschen zu tragen kommen, was er damit anfängt und an seine Umwelt zurückgibt.

Das ist ja eigentlich bei Bourdieu auch ne wichtige Frage. Sein „Habitus“ entsteht ja durchwegs aus solchen Sozialisationsprozessen und zeigt sich im alltäglichen Handeln. Der Habitus ist Mittler zwischen dem Ich und der Umwelt, er markiert die Grenzen jener Welt, die ein Mensch nicht verlassen kann. Wie sich der Habitus genau bildet und welche Grenzen sich hier markieren lassen, zeigt die sozialwissenschaftliche Biografieforschung deutlich. Bei meinem Diss-Thema kann ich das Konzept vielleicht ganz explizit anwenden: Für die emigrierten Frauen war der Umzug nach Amerika im Rahmen des Denkbaren. Das ist ja eigentlich ziemlich komisch. Viele von ihnen hatten nicht einmal eine vage Vorstellung von den Kontinent, geschweige denn sprachen sie Englisch. Was in diesem Fall den Habitus prägte und wie sich Grenzen formierten, ist eine höchst interessante Frage. Warum konnten die regionalen Grenzen überhaupt überschritten werden? Was brachte sie dazu? Oder waren die Grenzen, die ihre Rolle in der Paarbeziehung festlegten, noch viel stärker als die Landesgrenzen? Konnte eine Frau eher auswandern, als verlassen zurück zu bleiben? Eigentlich eine ziemlich produktive Verbindung zwischen Habitus- und Biografieforschung, Herr Bourdieu, meinen Sie nicht?

Das eigentliche Missverständnis, dem Bourdieu aufsitzt, ist aber Folgendes: In individuellen Erzählungen zeigen sich ja immer auch Elemente des „objektiven Sinns“. Also der Alltagswirklichkeit, die alle Menschen teilen und den Ereignissen, die auf die Menschen hereinbrechen – oder wir sagen einfach „Geschichte“ dazu. Unsere Lebensgeschichten haben was mit der „restlichen“ Geschichte zu tun, insofern ist es auch legitim,  geschichts- und sozialwissenschaftliche Fragen an sie zu stellen.

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Eingeordnet unter serious, student things, thesis

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