Vollverschleierungs-Studienkommentar

Die Open Society Foundation des Investmentbankers George Soros publizierte anlässlich des Inkrafttretens des Burka-Verbots in Frankreich im April 2011 eine Studie zum Thema. Ihre „Key Findings“ lauten in etwa so: Die Frauen werden/wurden nicht zur Vollverschleierung gezwungen. Sie sehen den Schleier als spirituelles Symbol, der Entschluss zur Verschleierung führte öfter zu Konflikten mit der Familie. Verbale und teilweise physische Angriffe erfahren alle Frauen in der Öffentlichkeit. Die Verschleierungs-Debatte in Frankreich veranlasste einige der Frauen erst, sich zu verschleiern.

Das Bild der eingesperrten, zur Verschleierung gezwungenen Frau spiegelt sich in den Untersuchungsergebnissen nicht. Vielmehr zeigt sich in der Studie, dass Schleierträgerinnen mehrhheitlich gut ausgebildete, in ihrer religiösen Praxis emanzipierte und eher avantgardistische Frauen sind, die trotz gesellschaftlicher und familiärer Widrigkeiten ihrer religiösen Überzeugung folgen.

Wiewohl die Grundidee der Studie eine super Sache ist (mit Leuten reden statt über sie) und der akutellen Debatte vielleicht ein wenig mehr Differenzierungsgrad geben kann, kann ich mich mit dem gewählten methodischen Vorgehen nicht ganz anfreunden.

Die Studienautorin beschreibt die gewählte Methode als „primarely qualitative“. 32 Frauen wurden interviewt, allen wurden standardisierte Fragen gestellt, mit 28 wurden längere Gespräche geführt (zw. 35 Min. und 2 Stunden). 14 Interviews wurden telefonisch geführt, 18 persönlich. Regionale Informationen gibt es ebenso wie ungefähre Angaben zum Kontaktweg (bestehende Kontakte, Kontaktsuche über islamische Institutionen, Kontakte, die über Erstkontakte vermittelt wurden). Und das wars mit den methodischen Informationen. Wie mit den qualitativen Daten weiter umgegangen wurde, erfährt mensch nicht.

Warum ist das wichtig? Aus der Lektüre der restlichen Studie scheint es, als würde allein die Inhaltsebene der Aussagen zu Ergebnissen zusammengefasst werden. Wenn zum Beispiel eine Frau sagt, sie habe sich aus Protest zur Verschleierungsdebatte zur Vollverschleierung entschlossen, wird die Aussage so wie sie ist übernommen und als Fakt gesetzt. Bei qualitativen Studien steht allerdings nicht die Inhalts-, sondern die Bedeutungsebene der Aussagen im Vordergrund. D.h. bei so einer Aussage müsste gefragt werden: Warum möchte die Frau gegen die Debatte Protest einlegen, warum in dieser Form, welche Bedeutung hat der Schleier für sie warum, welche Bedeutung hat das Verschleierungsverbot daher, was wird verschwiegen… Solche Fragen und Antworten ergeben sich aus der Interpretation der Aussagen (hermeneutische Methoden, so Zeug halt), die vor allem in einer Gruppe, der die Interviewerin nicht unbedingt angehören sollte, durchgeführt wird. Der Prozess ist der mühsame Teil der qualitativen Sozialforschung. Über einen Satz eine Stunde zu reden ist ziemliche Fitzelarbeit, die aber notwendig ist, um die am Text aufgestellten Hypothesen überprüfen zu können. Ob, bzw. wie interpretiert wurde, kommt aus der Studie nicht hervor.

Eine andere methodische Augenfälligkeit ist der meiner Meinung nach wenig geglückte Methodenmix. In der Studie wird immer wieder von Mengen gesprochen (Etwa gibts eine prozentmäßige Aufschlüsselung der religiösen Praxis der Befragten nach Einteilungen à la „practise a little“, „devoutly practising“), in denen das quantitative Paradigma immer wieder durchschlägt. Die Prozentzahlen sind mit Sicherheit richtig berechnet, allerdings kann bei qualitativen Studien nicht mit Konzepten gearbeitet werden, die ein quantitatives Sampling zu Grunde legen. Der religiöse Alltag von 32 Frauen sagt nichts über den religiösen Alltag der französischen Musliminnen aus. Genauso wenig sagt der religiöse Alltag von 32 Frauen etwas darüber aus, wie bei den einzelnen Frauen die Entscheidung für die Verschleierung mit Religion zusammenhängt.

Punkt 3 der mich stört: Auch bei der Aussagekraft der Studie werden qualitative und quantitative Methoden ungut vermischt. Qualitative Studien können und wollen nie allgemeine Aussagen treffen, weil ihre Erkenntnisse immer an die Subjetke gebunden sind, die im Zentrum des Forschungsprozess stehen. Zu rekonstruieren, aus welchen Gründen die Entscheidung zur Vollverschleierung fiel, welche Umwelteinflüsse das wie beförderten und wie das Selbstbild der interviewten Frau aussieht – das kann qualitative Forschung leisten. Die Logik der Entscheidung wird bei der Interpretation rekonstruiert. Eine bestimmte rekonstruierte Logik kann mittels kontrastivem Vergleich mit anderen Fällen zu einem Typ zusammengeführt werden. Aber auch die Typen sind nie „echt“ in dem Sinn, als dass mensch sie quantitativ messbar machen könnte – qualitative Erkennntisse leben von Bedetung und Sinn und nicht von Mengenangaben. Das erschließt sich eben nur interpretativ.

Bei so einer Studie könnte am Ende also gesagt werden: Bei unseren Untersuchungen haben wir folgenden Typ der verschleierten Frau rekonstruiert: (Beschreibung der Sinnstruktur einfügen). Es kann nicht gesagt werden: Frauen verschleiern sich, weil (Aufzählung einführen).

Typenmäßig würde hier wohl was ganz interessantes rauskommen: Die Frauen sehen sich nicht als Opfer eines Systems, sondern als selbstbestimmte Musliminnen, die ihren eigenen religiösen Weg gehen. Sowas in der Art.

Das Ergebnis müsste dann der Ausgangspunkt für weiteres Sampling sein. Qualitatives Sampling bedeutet theroetisches Sampling: Ich wähle meine Interviewpartnerinnen nicht zufällig, sondern nach theroetischen Kriterien. Zuerst ist das natürlich „verschleierte Musliminnen in Frankreich“, wenn die ersten Interpretationsergebnisse da sind, müsste das aber heißen: Minimal und maximal kontrastiv. Also so ähnliche Fälle wie möglich und so kontrastreiche Fälle wie möglich. Wenn die ForscherInnen dann das Gefühl haben, dass eine Sättigung erreicht ist – also keine neuen Bedeutungsstrukturen mehr auftauchen – dann ist das Sampling abgeschlossen. Den Punkt „so kontrastreiche Fälle wie möglich“ hat die Studienautorin so wie es aussieht ausgelassen.

Der Grund dafür ist nachvollziehbar: Maximal kontrastiv zu selbstbestimmten Frauen sind Opfer, die nicht für sich sprechen dürfen/können/wollen. Die zu einem Interview zu bewegen ist eine der schwierigsten Dinge in der qualitativen Forschung. „Entschuldigen Sie, werden Sie vielleicht von ihrer Religionsgemeinschaft oder Ihrem Ehemann gezwungen, sich zu verschleiern und dürfen Sie nicht allein außer Haus gehen?“ – das ist nicht so der gute Feldeinstieg. Und da sagt auch kein Mensch „Ja, und ich würde Ihnen gerne alles darüber erzählen, damit Sie es dann publizieren können.“

Das heißt nicht, dass das Sampel der Studie mit 32 Personen zu klein ist. Im Gegenteil, das ist für ne qualitative Analyse schon ziemlich viel. Jedoch beschränken sich die Ergebnisse auf einen (oder einenhalb) Typen von Schleierträgerinnen, wie viele andere ausgelassen wurden, könnte nur weitergehende Forschung zeigen. Aber das muss mensch halt auch zu den Ergebnissen dazusagen.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter genderize, serious

4 Antworten zu “Vollverschleierungs-Studienkommentar

  1. Ich weiß nicht. Du hast natürlich damit recht, dass es einen selection bias gibt, weil stark unterdrückte frauen schwerer (wenn überhaupt) für ein interview zur verfügung stehen. dieses problem habe ich aber auch mit quantitativen befragungen. hinzu kommt im bereich der vollverschleierten, dass die fallzahl so gering ist, dass es sowieso schwierig ist, überhaupt auf eine größere zahl zu kommen. deshalb ist es auch mit dem theoretischen sampling nicht so einfach in diesem fall, wie du ja auch selbst mit deinem beispiel illustrierst.

    aber zu deinen methodischen kritikpunkten ein paar anmerkungen:
    – klar, es gibt explikativ-hermeneutische methoden der analyse qualitativer daten (z.B. objektive hermeneutik nach oevermann), aber es gibt eben auch andere ansätze, die stärker kategorisierend-verdichtend arbeiten. mir scheint letzteres hier nicht prinzipiell unzureichend zu sein – vor allem weil ich glaube, dass der oben erwähnte selection bias hier ohnehin das wesentlichere element ist.
    – was du als methodenmix bezeichnest, würde ich eher als deskriptiv-statistische daten über die zusammensetzung des samples sehen, und deshalb sogar sehr sinnvoll. wenn ich die studie richtig verstanden habe, dann verallgemeinern sie auch nicht statistisch, d.h. sie behaupten keine repräsentativität der stichprobe. die mengen und prozentangaben sagen uns also etwas über die befragten. nicht mehr, aber auch nicht weniger.
    – den stärksten widerspruch einlegen möchte ich aber gegen folgenden satz von dir: „Qualitative Studien können und wollen nie allgemeine Aussagen treffen, weil ihre Erkenntnisse immer an die Subjekte gebunden sind, die im Zentrum des Forschungsprozess stehen.“ das sehe ich überhaupt nicht so. natürlich wollen qualitative studien allgemeine aussagen treffen. Sie generalisieren allerdings nicht statistisch, sondern argumentativ – wie es beispielsweise auch bei experimenten der fall ist. im übrigen ist auch typenbildung eine form von argumentativer generalisierung.

    • evamal

      hey,
      ad interpretationsmethode: die studie liest sich, als wäre überhaupt keine angewendet worden und alleine die inhaltsebene zur generalsierung herangezogen worden. das ist das dünne, meiner meinung.
      ad methodenmix: es kommt im auswertungsteil nichts anderes vor als die deskriptiv statistischen daten bzw. quantitative merkmale (wie oft gehen die frauen in die moschee, geben sie an, dass religiöse führer ihre entscheidung beeinflussen oder nicht…), auch das ist ziemlich dünn, meiner meinung.
      ad aussagekraft: hast recht. allerdings muss halt auch dazu gesagt werden, über welche vollverschleierten frauen aussagen getroffen werden können. und das passiert auch nicht. es wird nicht mal problematisiert.

  2. evamal

    nachtrag:
    „Was kann nun die interpretative Sozialforschung im Unterschied zur quantitativen Sozialforschung nicht leisten? […] numerische Verallgemeinerungen, d.h. Verallgemeinerung basierend auf Häufigkeiten“. (Rosenthal 2008:25)
    „It is hard to establish how representative this research’s sample is in terms of numbers, geographical distribution, age, ethnicity, and marital and social status. Despite these difficulties, a number of experiences were so prevalent among respondents that they appeared to represent definite trends […]“ (Studie, S. 11)
    das geht für mich nicht so gut zusammen.
    lg eva

    • Naja, ich finde dass das schon unter reflexion der methodik und vorsichtiger versuch zur verallgemeinerung durchgeht. sicher nicht die reine qualitative lehre, vor allem vom wording her mit quantitativer diktion verseucht, aber, wie ich finde, auch nicht übertrieben unseriös – da lese ich ständig viel schlimmeres auch in fachzeitschriften.. 😉

      lgleonhard

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