rate the writers!

Ich habe ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und verstehe trotzdem vieles, was in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen steht nicht. Bei manchen Sachen ist mir das wurscht, bei anderen interessier ich mich einfach nicht genug, um alles, was ich nicht versteh, auf Wikipedia oder in bundesdeutschen Medien nachzulesen.

Heut gibts aber mal Neuigkeiten, wo es wichtig wäre, dass die Bevölkerung versteht, warum was wie gemacht wird, um sich ein Urteil bilden zu können. Und da nicht 100 Prozent der ÖsterreicherInnen einen mag.rer.soc.oec haben, geh ich mal davon aus, dass das, was ich nicht versteh, den/die DurschnittsösterreicherIn ebenso ratlos zurücklässt.

Schlagzeile: Der ÖVAG wird eine Milliarde an öffentlichen Geldern zugeschossen.

Hier ein paar naheliegende Fragen, und Vergleiche, wie im Standard, der Presse, der Wiener Zeitung und der Kronen Zeitung darauf geantwortet wird.

Wer ist noch mal schnell die ÖVAG? Sind das die Volksbanken?

Im Standard äußert man sich dazu kryptisch:

„Die Volksbanken haben sich am Montag auf eine neue Sektorstruktur geeinigt. Die Maßnahme ist vor allem für die Republik schmerzhaft, die dem Spitzeninstitut des Sektors, der Volksbank AG (ÖVAG), eine Milliarden Euro an Staatshilfe in Form von Partizipationskapital zur Verfügung gestellt hat.“

Dass Spitzeninstitut hier organisatorisch, und nicht als Beschreibung der Marktposition zu verstehen ist, hat sich mir erst später eröffnet.

Die Presse, solide:

 „Demnach übernimmt der Bund über 40 Prozent der ÖVAG-Anteile. Haupteigentümer bleiben die 62 Volksbanken in den Bundesländern.“

Die Krone schafft das ebenso souverän:

„In den letzten Wochen hatten ÖVAG-Chef Gerald Wenzel und sein Aufsichtsratschef Hans Hofinger noch gehofft, die Probleme gemeinsam mit den 62 regionalen Volksbanken lösen zu können, die mit 60 Prozent Hauptaktionär sind.“

Hier steht diese grundlegende Information zusätzlich dort, wo sie hingehört: am Anfang.

Wiener Zeitung:

„Am Montag waren dann die 62 Volksbanken am Zug. Sie stimmten schließlich einer Struktur zu, für welche die niederländische Rabobank Modell steht. Dabei steht die ÖVAG als Zentralorganisation an der Spitze des Sektors. Die 62 regionalen Volksbanken müssen in einen engeren Haftungsverbund eintreten und werden für ihr Spitzeninstitut in die Pflicht genommen.“

Naja, das wär besser gegangen. Zumindest werden wir hier über die Bedeutung des „Spitzeninstituts“ informiert und können uns ungefähr vorstellen, was gemeint ist.

Wer hat hier Mist gebaut? Und warum?

Standard:

„Grund für die desolate Lage sind vor allem Problemkredite in der Tochter Investkredit sowie das unverkäufliche Rumänien-Geschäft.“

Ahm. Wie war das noch mit dem analytischen Journalismus, der den LeserInnen Zusammenhänge erklärt und so?

Ähnlich die Presse:

„Die ÖVAG ist wegen Abschreibungen in Osteuropa und Vorsorgen für faule Kredite in Turbulenzen geraten.“

Wiener Zeitung: Irgendwo in einem anderen Zusammenhang versteckt gibts einen „Warum“-Teil, der ähnlich informativ ist, wie jene in Standard und Presse.

„Dem Vernehmen nach wollten die Volksbanken eine Abwicklungsbank, in der kriselnde ÖVAG-Assets wie das Rumänien-Geschäft, notleidende Unternehmenskredite der Investkredit oder das Leasinggeschäft vom laufenden Bankbetrieb abgespalten worden wären.“

Krone:

„Der hohe ÖVAG-Verlust 2011 hat folgende Ursachen: Hohe Abschreibungen auf Griechen-Papiere kosteten genauso Hunderte Millionen Euro wie die Verluste der Töchter in Rumänien und Ungarn. Die Beteiligung Investkredit musste um 300 Millionen abgewertet werden, 170 Millionen Euro verlor man bei der Kommunalkredit.“

Nicht perfekt, aber ein bisschen mehr kann ich mir hier vorstellen.

Was die ÖVAG in Osteuropa eigentlich macht(e) und warum sie da so gschaftig und offenbar ziemlich risikoreich herumfuhrwerkt(e), erklärt mir kein Mensch.

Wie viel Geld kriegen die jetzt von uns?

Standard:

„Die Maßnahme ist vor allem für die Republik schmerzhaft, die dem Spitzeninstitut des Sektors, der Volksbank AG (ÖVAG), eine Milliarden Euro an Staatshilfe in Form von Partizipationskapital zur Verfügung gestellt hat. Wie aus Verhandlerkreisen verlautete, buttert Finanzministerin Maria Fekter erneut mehr als eine Milliarde in die Bank.“

Also insgesamt zwei Milliarden?

Wiener Zeitung:

Die Republik hatte schon im April 2009 eine Milliarde Euro Partizipationskapital eingeschossen und Bank-Anleihen in Milliardenhöhe garantiert. Der für 2011 drohende horrende Verlust muss nun mit einem Kapitalschnitt von 70 Prozent abgedeckt werden. Dieser Anteil der ersten staatlichen Hilfstranche ist somit weg. Im Gegenzug muss das fehlende Kapital aufgefüllt werden. Dafür soll es eine Kapitalerhöhung um 480 Millionen Euro geben, an der sich der Bund mit 250 Millionen Euro und die Volksbanken mit 230 Millionen Euro beteiligen. Und obendrein werden neue Haftungen über 100 Millionen Euro fällig – in Summe entfallen 1,05 Milliarden auf den Bund.“

Die haben eine kleine (verwirrende? falsche?) Addition gemacht. Hier wird zwar klar, dass der Staat nicht noch eine Milliarde investiert, sondern von der ersten Milliarde 700 Millionen verloren hat, und jetzt noch 250 an Kapital und 100 in Haftungen draufgibt. Insgesamt gibt der Staat also 1,35 Mrd. für die ÖVAG her, davon sind 700 futsch, und 650 (noch) nicht. Oder?

Presse:

„Das bedeutet, dass der Bund von der eingesetzten Milliarde 700 Millionen Euro abschreiben muss. Eine ähnliche Aktion gab es im Vorjahr bei der Hypo Alpe Adria. Auch hier verlor der Steuerzahler im Zuge eines Kapitalschnitts 700 Millionen Euro. Bei der ÖVAG sind aber noch weitere Maßnahmen notwendig. Die Bank erhält im Zuge einer Kapitalerhöhung 480 Millionen Euro, davon wird der Bund 250 Millionen Euro zuschießen. Die restlichen 230 Millionen Euro stammen von den Bundesländer-Volksbanken. Zusätzlich übernimmt der Bund bei der ÖVAG Haftungen von 100 Millionen Euro.“

Solide.

Krone: Die helfen mit Aufzählungspunkten, das zu verstehen:

  • Wegen der gravierenden Verluste kommt es zu einem „Kapitalschnitt“ von 70 Prozent. Das bedeutet, dass alle Aktionäre der ÖVAG, neben den Volksbanken die deutsche DZ-Bank (23,4 Prozent), die Ergo-Versicherung (9,4 Prozent) und die RZB (5,7 Prozent), 70 Prozent des Wertes ihrer Beteiligung verlieren. Auch der Bund, der im Frühjahr 2009 eine Milliarde Partizipationskapital zur Verfügung gestellt hat, verliert davon jetzt 700 Millionen Euro.
  • Dafür wird die ÖVAG „rekapitalisiert“, das bedeutet, sie bekommt 480 Millionen Euro frisches Geld. Davon übernimmt 250 Millionen Euro erneut der Bund, rund 230 Millionen steuern die 62 Volksbanken bei, die die Aktienmehrheit behalten. Die Republik Österreich, die noch eine 100-Millionen-Euro-Bürgschaft zusätzlich aufbringt, wird direkt 49-Prozent-Aktionär und darf „Aufpasser“ in Vorstand oder Aufsichtsrat entsenden.
  • Die DZ-Bank leistet ihren Beitrag, indem sie die Filiale Frankfurt der ÖVAG-Tochter Investkredit übernimmt, wo 400 Miillionen Euro „faule“ Kredite drinstecken.
Den Tipsi in Millionen verzeihen wir großzügig, weils relativ verständlich ist und auch kein Additionsfehler dabei ist.
Ist das jetzt gut oder schlecht, dass das gemacht wird?
Standard: Hier schimmert durch, dass uns wenn wir das nicht gemacht hätten, Moody’s wohl auf die Finger gehaut hätte.
Presse: Die ÖVAG ist too big to fail.
„Das Volksbanken-Spitzeninstitut ist mit einer Bilanzsumme von über 30 Milliarden Euro die fünftgrößte Bank Österreichs. Sie gilt als „systemrelevant“ und muss bei Problemen vom Steuerzahler aufgefangen werden. Denn eine Pleite hätte dazu geführt, dass auch viele der 62 Bundesländer-Volksbanken in finanzielle Bedrängnis geraten wären. Der Volksbankensektor betreut in Österreich eine Million Kunden und beschäftigt in 540 Filialen über 5000 Mitarbeiter. In manchen Segmenten wie bei Klein- und Mittelbetrieben sind die Volksbanken die drittstärkste Bankengruppe Österreichs.
Regierungskreisen zufolge wäre bei einem Bankrott der ÖVAG der staatliche Einlagensicherungsfonds zum Zug gekommen. Dies hätte Österreich bis zu zehn Milliarden Euro gekostet.“
Vielleicht kann mensch sich über diese Interpretation streiten, aber es gibt zumindest eine!
Wiener Zeitung: ?
Krone: Hier wird auf die Frage „Warum zahlen wir den Scheiß?“ mit „SteuerzahlerInnen zahlen das nicht, sondern die Banken selbst“ reagiert.
„SPÖ-Finanzstaatssekretär Andreas Schieder sprach am Montagabend von einer „vollen Gegenfinanzierung“ durch Sektor und Banken: „Uns war wichtig, dass die Rettung der ÖVAG schlussendlich vom Kreditsektor und den Eigentümern getragen wird.“ Damit bleibe der Budgetpfad aufrecht, „daraus erwächst keine Zusatzbelastung für den Steuerzahler“, so Schieder.
Alles in allem eine eher lauwarme Performance der österreichischen „Qualitätsmedien“. Und der Krone Artikel ist gar nicht schlecht. Vielleicht sollte das einigen WirtschaftsjournalistInnen zu denken geben. Manche haben mit der Selbstreflexion ja schon angefangen.
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Ein Kommentar

Eingeordnet unter economy for everyone, irgendwas mit medien

Eine Antwort zu “rate the writers!

  1. Pingback: Links der Woche – KW 10 | blog.sektionacht.at

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