Jazz Fest Shabbat

Das letzte Monat hier war für mich ein bisschen meh. Irgendwie war die Luft draußen, ich zählte nur noch Tage und wollte nach Hause. Bloß Netflix und Cheetos haben meine Faszination fürs Amerikanische noch ein bisschen am Leben gehalten. New Orleans ging mir sowieso schon auf die Nerven – immer der selbe Scheiß hier. So wie überall anders auch, nur daheim sind halt auch die Leut, die ich am liebsten mag.

Irgendwann hab ich das Offensichtliche akzeptiert: Dass vom Tage zählen die Zeit auch nicht schneller vergeht. Meine Kollegin N. fragte mich dann kürzlich, ob ich sie zum Jazz Fest Shabbat begleiten wollte. Warum nicht. Beim Hinfahren unterhielten wir uns über jüdische Kultur, ich erzählte ihr, dass die jüdische Gemeinde in Österreich etwa knapp über 8000 Personen stark sei, N. meinte, allein in New Orleans gäbe es zwei bis drei mal so viel. Die Synagoge zu der wir gehen würde sei dem reformierten Judentum zuzuordnen – das solle ich mir etwa so vorstellen, wie die liberalen KatholikInnen in Österreich. Den Kommentar, dass es sowas in institutionalisierter Form nicht gibt, hab ich mir gespart und ihren Ausführungen weiter gelauscht. Die Rabbinerin sei super-leiwand, meinte N. – kurz darauf konnte ich mich davon selbst überzeugen.

Eine halbe Stunde vor Beginn war Einlass, wir platzierten uns im hinteren Drittel der Synagoge, ich studierte das 18-Seitige Gebetsbuch (Quasi ein Shabbat-Sing-Mit!) und kalkulierte die Zeit, die das in Anspruch nehmen würde. Weil ich zu schlecht im Kopfrechnen bin, ließ ich das schnell bleiben und bemühte mich, leise mit N. zu sprechen. Bloß nicht den deutschen Akzent zu laut herausposaunen, war mein Credo. Vor meinem inneren Auge sah ich schon jemanden aufspringen, mit dem Finger auf mich zeigen und brüllen „Deine Vorfahren haben meine umgebracht!“, ja, und natürlich überlegte ich fieberhaft, wie ich darauf sensibel reagieren könnte. Und dann hoffte ich auf einen rächenden Gott im Judentum, der, falls es ihn interessieren sollte, mich kurz und schmerzvoll (aber weniger peinlich) mit einem Blitz darniederstrecken würde.

So fantasierte ich also in meinen Glaubensbildern dahin, bis eine junge Frau vors Mikro trat. Sie stellte sich freundlich vor, witzelte ein bisschen, dass natürlich bei jedem Shabbat alle Plätze eine halbe Stunde vorher weg sein, und erklärte dann den Ablauf des Abends. Und auf diese Weise begann die Rabbinerin die Zeremonie. Ein Kantor trug die Gebetslieder vor, unterstützt wurde er von einem gut dreißig-köpfigen Chor und einem Orchester. Ich fühlte mich halb wie bei einem Kammerkonzert, halb wie im Musical Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat (die Arrangements waren so flott und melodisch!). Ich las in meinem sing-along-Buch mit, und stellte zu meinem Erstaunen fest, dass ich mich damit offenbar leichter tat, als viele der Anwesenden. Latinisiertes Hebräisch folge ähnlichen Aussprachregeln wie Deutsch, klärte mich N. auf. Die Rabbinerin sagte aber freundlicher Weise immer wieder die aktuelle Seitenzahl vor.

Und so begann ich, meine Umgebung zu beobachten. Schräg links, ein pubertiertendes Mädchen mit Zahnspange und zwei Zöpfen (rosarote Schleifen!), zwischen denen eine Kippah (lila!) thronte. Die Kippah des Herren links vor mir war gelb mit grünen Kringeln und sah aus wie anno 69 gebatikt. Weiter vorn blitzte unübersehbar eine neongelbe Kippah vor, gleich daneben: dunkelblau mit Gold- und Silberfäden durchsetzt – sehr edel. Die Damen links hinter mir unterhielten sich murmelnd über ihre Familien, die ältere Frau rechts vorne fächelte sich mit ihrem Gebetsheftchen frische Luft zu.

Im dritten Drittel der Zeremonie trat dann John Boutté, ein New Orleaner Sänger auf – und das Haus rockte. Herr Neon-Kippah leitete die Standing Ovations nach Bouttés unglaublicher Darbietung von Lenard Cohen’s Hallelujah ein, Mister Goldfaden tanzte zum Tremé Song, und der ganze Saal brach danach in ein spontanes Hava Nagila aus. Nach einer Stunde Boutté-Performance wurde das letzte Lied der Shabbat-Zeremonie gesungen. Und dann kam das für mich unerwartete Finale: Der Synagogen-Chor sang unter Leitung des Kantors und Bouttés Oh When the Saints go Marching in. Auf Hebräisch. Und die gesamte Synagoge sang mit.

Das war also meine erste Shabbat-Zeremonie. Dass die so entspannt, kurzweilig und unorthodox war, liegt natürlich an der Umgebung. In den USA ist es leichter, reformierter Jude oder Jüdin zu sein, als in Wien. Und in New Orleans sind liberale Religions-Interpretationen ohnehin eher die Regel, als die Ausnahme.

Ich fühlte mich also beschwingt und irgendwie sehr heilig, als wir dann noch was essen gingen. Und wie es dieser großartige Abend so wollte, saß am Nachbartisch Samuel L. Jackson. N. spazierte zu seinem Tisch, sagte drei kreative und witzige Sätze, brachte ihn zum Lachen und kann jetzt laut eigenen Angaben in Frieden sterben. Ich bewunderte meine Kollegin und bedankte mich bei ihr für den tollen Abend. Sie meinte, ab und an präsentierte sich die Stadt eben von seiner besten Seite, damit wir nicht vergessen, wie großartig sie eigentlich sei. Ein klassischer Fall von Only in New Orleans.

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