Fairness.

Man könnte meinen, ich hätte in meinem Leben nicht viel besseres zu tun, als über verschiedenste Medien zu schimpfen. Naja, andere Leute haben komischere Hobbys, also:

Liebe österreichische Medienlandschaft, liebe Redaktion von Online- und Printstandard,

Könntet ihr bitte aufhören, der Männerrechtsbewegung im Rahmen der Obsorge-Debatte bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Profilierungs-Bühne zu bieten?

Für den STANDARD (online und print) habe ich mir die Beiträge der letzten Jahre zu dem Thema angesehen. Seit August 2010 wurden zehn Kommentare von Väterrechtlern, einem Kleriker und einem Redaktionsmitglied veröffentlicht, die die ablehnende Haltung feministischer Frauen zur automatischen gemeinsamen Obsorge für Kinder nach Trennungen als diskriminierend, weltfremd, männerhasserisch oder schlichtweg dumm darstellen (hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hierhier und hier). Dem stehen vier Beiträge von Frauen gegenüber (hier, hier, hier und hier.), in denen Gegenargumente vorgebracht werden. Würden andere Zeitungen, etwa die Krone, ein derartiges Missverhältnis produzieren, spräche man von einer politischer Kampagne des Blattes und würde politische Interventionen vermuten. Dem STANDARD geht es hier wohl um die Kontroverse – jetzt diskutieren einmal die Leute! Die antifeministischen Forumstrolle freut es, endlich lesen sie mal was nach ihrem Geschmack.

Ein verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Rolle im Diskurs ist das nicht. Tageszeitungen, besonders solche wie der STANDARD, die Unabhängigkeit und ein liberales, aufgeklärtes Weltbild in ihren Leitlinien stehen haben, wiegen als institutionelle Meinungsbildnerinnen in dieser Auseinandersetzung schwer. Denn auch LeserInnenbriefe (sei es jetzt online oder im Print) werden von Redaktionen bewusst ausgewählt, weil sie ihrer Meinung nach ein wichtiges Argument in der öffentliche Debatte transportieren. Was von einem Qualitätsmedium als publikationsreif eingestuft wird, gewinnt an „objektiver Wahrheit“, denn das Auseinanderhalten von relevanten Anliegen, Einzelmeinung und Themen-Kampagnen von Interessensgruppen gehört zum Aufgabenbereich der Zeitungen, auch in ihren Meinungs- Ecken.

Das hat der Standard in der Obsorge-Debatte nicht gemacht. Wer am lautesten schreit, wird abgedruckt oder online gestellt. Das Problem ähnelt dem im  „he says“-„she says“-Journalismus. Wenn JournalistInnen meinen, dass ausgewogene Berichterstattung bedeutet, Stimmen aus allen politischen Lagern zu Wort kommen zu lassen, ist das ein Missverständnis. Das US-amerikanische National Public Radio (NPR) produziert ausgezeichnete politische Berichte, in ihrem kürzlich überarbeiteten Ethik-Handbuch für JournalistInnen findet sich folgender Hinweis zum Thema „Fairness„:

„At all times, we report for our readers and listeners, not our sources. So our primary consideration when presenting the news is that we are fair to the truth. If our sources try to mislead us or put a false spin on the information they give us, we tell our audience. If the balance of evidence in a matter of controversy weighs heavily on one side, we acknowledge it in our reports. We strive to give our audience confidence that all sides have been considered and represented fairly.“

Wenn wer Medien anlügt, wird das also explizit gemacht, und nicht als Aussage abgedruckt. Wenn wer versucht, die Realität zu verschleiern, wird das angeprangert. Die Väter- bzw. Männerrechtsbewegung spricht von systematischer Männerdiskriminierung durch Richterinnen in Obsorge-Fragen, der „Lüge“ Frauendiskriminierung in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen, schlicht: Stellt wüste Behauptungen auf, die sich mit einem kleinen bisschen Recherche als politisch instrumentalisierte Un- und Halbwahrheiten herausstellen. Wenn eine Tageszeitung solche Argumente fast quartalsmäßig abdruckt, ist sie an der Verzerrung des öffentlichen Diskurses mitschuld. Und das Argument, die Meinungs-Seite sei nun mal Austragungsort kontroversieller Debatten, gilt nicht: Alles, was am lachsrosa Papier gedruckt ist, wird ausgesucht, ausgewählt und ist Teil des Mediums. Die oben verlinkten Kommentare sind ja gerade nicht Einzelmeinungen auf privaten Blogs, sondern auf derstandard.at veröffentlicht.

Nicht der Wahrheit oder der fairen Berichterstattung, sondern dem Schaukampf in der Kommentarspalte gilt hier offensichtlich die Verpflichtung. Wer ein neues Beispiel dafür braucht, findet es in einem kürzlich veröffentlichtem derstandard.at Kommentar zur Debatte „Feminismus“: Welchen niveauvollen Austausch ein Text mit dem Titel „Gendersprache ist penetrant unsympathisch“ anregen soll, ist mir schleierhaft.

Lieber STANDARD, liebe Zeitungsredaktionen: Nur weil wer eine Meinung hat, muss man sie nicht abdrucken! Nur weil ihr täglich eure Kommentarseiten füllen müsst, könnt ihr nicht eure Qualitätskriterien dafür über Bord werfen! Eure redaktionelle und inhaltliche Verantwortung hört nicht auf, bloß weil „Kommentar“ in der Kopfzeile steht.

Advertisements

6 Kommentare

Eingeordnet unter clever shit, genderize, irgendwas mit medien, seriously?

6 Antworten zu “Fairness.

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Privilegien, Sexismus 101, unsichtbare Lesben und tote Autoren – die Blogschau

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Privilegien, Sexismus 101, unsichtbare Lesben und tote Autoren – die Blogschau

  3. Pingback: lieber standard: zitront euch doch selbst « querg'schrieben

  4. Hallo sagt derStandard.at, Ressort Meinung. Sie schreiben „Dem STANDARD geht es hier wohl um die Kontroverse – jetzt diskutieren einmal die Leute!“ Ja, das ist unter anderem unser Ansatz, unseren LeserInnen einen Platz für Ihre Stellungnahmen zu geben. Prinzipiell sind es durchschnittlich viel mehr Männer (ca. 90 %!), die sich bei uns (als PosterInnen oder LeserkommentarschreiberInnen) zu Wort melden. Gerne können Sie natürlich an debatten@derStandard.at Ihre Stellungnahmen einsenden!
    Herzlichst derStandard.at-Team.

  5. FrauenLesben für das Selbstbestimmungsrecht der Frau

    Hallo! Gratuliere zu diesem Artikel. Wie wahr! Doch es fängt die Desavouierung der Frauen in diesem „Standard“ (wie auch andren Medien) schon damit an, dass die Klientel Männer- und Väterrechtler eine Tribüne haben, sowohl m Artikel und LeserInnenbrief-Bereich wie auch in den Kommentaren, um wie pawlowsche Hunde (re)agieren zu können, während die angesprochenen (Ex)Frauen selbstverständlich nie zu Wort kommen, bzw. auch nicht gefragt werden. Objektivität Und journalistische kommen nicht vor. Es werden zudem überwiegend Behauptungen transportiert, die offensichtlich falsch sind, unterstrichen durch Arroganz, Larmoyanz und Aggressionen, … dass es der Sau graust. Mit Qualitätsjournalismus hat das nichts zu tun, es geht schlicht um frauenfeindliche und antifeministische Propaganda.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s