Dinge, die in der Zeitung stehen…

… und mich irritieren, Folge 252: Vergewaltigungsberichterstattung

In Neu Dehli starb eine junge Frau an den Folgen einer Gruppenvergewaltigung. Kurz vor Weihnachten wurde in der Wiener U-Bahnlinie U6 eine Frau vergewaltigt. Zu Jahresende wurde ein Mann gefasst, der der Vergewaltigung von drei Frauen verdächtigt wird. Diese Gewalttaten sind erschütternd. Nichts desto trotz kommt mir der Tonfall der öffentlichen Debatte um diese Fälle problematisch vor.

Vergewaltigung ist ein Drama – besonders dann, wenn sie von Ausländern an den Frauen unseres Landes verübt wird, das zeigt ein Blick in den Boulevard. „Wir raten Frauen, nicht alleine in der Nacht-U-Bahn zu fahren“, so Polizei-Sprecher Thomas Keiblinger“, ist im Schundblatt Nummer 1 zu lesen. „Absolut falsch ist jedoch die Analyse, wonach es sich beim gegenständlichen Fall nur um einen Einzelfall handelt. Die Belästigungen von Frauen durch ausländische junge Männer haben in Wien in den vergangenen Jahren stark zugenommen und enden meist in Gewaltexzessen.“, klärt uns ein Polizist und FPÖ-Gemeinderat in einer Aussendung auf. Gut, das ist keine Berichterstattung, aber der mittlerweile wegen Verhetzung angezeigte Herr ist als Teil der Exekutive und Legislative weithin akzeptierter Teil unseres Staatsapparates.

Rechte Politiker und Schmierblatt-Verantwortliche finden die Gewalt gegen unsere Frauen also empörend. Und gegen Vergewaltigung ist man auch im Qualitätsjournalismus. Umfassend wurde über den brutalen Mord einer jungen Frau in Indien und die darauffolgenden Proteste berichtet. Doch dieser öffentliche Schulterschluss gegen Gewalt an Frauen hat einen Pferdefuß. Während einzelne Fahndungsfotos eines Obdachlosen, eines Ausländers und eine namen- und gesichtslose Gruppe  mörderischer Vergewaltiger in Indien gut Klicks generieren, wird gleichzeitig das Bild von Gewalt gegen Frauen und Mädchen verzerrt. Die Täter, über die sich die Öffentlichkeit empört, sind fremd („ausländische junge Männer“), am Rand der Gesellschaft (obdachlos), oder weit weg, schon fast bei den „Wilden“ (Indien). Die Täter, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Österreich verüben, sind aber tatsächlich alles andere als das. Es sind  mit überwiegender Mehrheit Bekannte, Freunde, Beziehungspartner oder Verwandte. „Am häufigsten erleben Frauen Gewalt in ihrer Familie, 90 Prozent aller Gewalttaten werden nach Schätzungen der Polizei in der Familie und im sozialen Nahraum ausgeübt.“, erklärt das Frauenministerium. Viel mehr als in der U-Bahn müssen sich Frauen in den eigenen vier Wänden fürchten. Und es ist nicht ihr unverfrorener Akt, in der Nacht allein U-Bahn zu fahren, und auch nicht die Taktung der Wiener Linien, die Vergewaltigungen provozieren. Es sind Täter, die sie ausüben.

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Eingeordnet unter genderize, irgendwas mit medien

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