Fertig aufgeregt.

Mein politisches Blogging- und Posting-Verhalten folgt oft dem gleichen Schema: Ich lese was im Internet, empöre mich darüber und erkläre hier, oder auf Facebook oder auf Twitter, was grad meiner Meinung nach die aktuelle Katastrophe ist. Davon hab ich jetzt glaub ich genug. Das frustet mich einfach. Auf Twitter habe ich eine „three strikes and you’re out“-Policy eingeführt – wer mich dreimal aufregt wird entfolgt, so haben ein paar österreichische Alphatwittermänner dran glauben müssen, und ich habs nicht bereut. Dafür folge ich Leuten, die ich interessant und witzig finde, an spannenden Orten wohnen, oder die Artikel posten, auf die ich sonst nie kommen würde. Ich hab mich gefragt, ob das der Rückzug ins Private ist, der mir dann mit Ende Zwanzig komplett bevorsteht. Dann habe ich mich ein bisschen mit dem Konzept „Politik und Macht sind nicht dasselbe“ auseinandergesetzt und finde sehr viel sinnvolles daran. Antje Schrupp erklärt das hier vertretene Konzept von Politik so:

„Der Vorschlag wäre also, [Politik] so zu definieren, dass Politik überall da vorhanden ist, wo sich Menschen darüber austauschen, welche Regeln in der Welt gelten sollen. Und zwar dann, wenn sie das nicht nur aus einer egoistischen Perspektive tun oder um ihre eigenen persönlichen Interessen zu vertreten, sondern um die gemeinsame Welt im Sinne aller zu gestalten. Diese Art von Politik findet natürlich nicht nur in Parteien statt, nicht nur in Parlamenten, sondern überall. Sie findet auch auf der Straße statt, in Nachbarschaften, am Küchentisch, eben überall da, wo Menschen zusammenkommen und trotz ihrer Unterschiedlichkeit Regeln finden müssen, wie sie es jetzt handhaben wollen oder woran sie sich orientieren möchten.“

Ich mag diesen Vorschlag. Und das erklärt auch meine Abneigung gegen die üblichen Internet-Diskussionen über Politik. Sie konzentrieren sich in ihrer Aufregungsökonomie ausschließlich auf einen kleinen Teil von Politik: Welche Partei hat ihre Interessen wo durchgebracht, welche ist wo gescheitert, wer ist am Scheitern schuld? Politik ist dort gleich Machtpolitik (Schrupp: „die institutionelle Ämterpolitik eben“), und das ist oft relativ öd. Nicht, dass ich was gegen institutionelle Ämterpolitik hätte – ich finde die sogar ganz gut, sonst wäre ich ja in der Sozialdemokratie schlecht aufgehoben. Aber das ist eben nicht alles. Es gibt so viele verschiedene Orte und Mittel, wo und wie Politik gemacht wird. In meiner Beziehung, meiner Familie, meinen Freundschaften, meiner Uni, meinem Job, meinen Ecken des Internet, meiner Küche, meiner SPÖ-Sektion.  Der Erfolg politischer Versuche kann sich, finde ich, nicht ausschließlich an einem Gesetzestext messen, sondern an veränderten Einstellungen, Einsichten und Kooperationen. Das ewige „der hat das gesagt – der hat das gesagt – die haben das gemacht – die haben das nicht durchgebracht“ – Geschrei darf man nicht mit Politik verwechseln. Und ich möchte in Zukunft noch viel weniger dazu beitragen, dass diese Verwechslung  die Vorstellung von Politik einengt. Fertig aufgeregt. 

Nachtrag: Den Artikel hab ich erst heute gepostet, geschrieben hab ich ihn aber schon vor Monaten (Ende August). Heut hab ich ihn nochmal durchgelesen und noch immer für postenswert befunden.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter clever shit, irgendwas mit medien, serious

Eine Antwort zu “Fertig aufgeregt.

  1. Gelesen habe ich ihn erst heute, aber richtig gefunden hätte ich ihn schon vor fast einem Jahr. Shame on me, und dir herzlichen Dank für diese gefühlvollen Worte zum Thema!

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