Sortieren.

(Aus)sortieren. Das ist meine Antwort auf die Frage „was machst du eigentlich momentan im Leben“. Ich bin wie besessen:

  • Ein Herr von dieser Organisation hat letztens zwei Stand-PCs und einen Laptop abgeholt
  • Ich trage fast täglich ein Sackerl mit Gewand das ich nicht mehr brauche zur Humana Box
  • lieferte vorgestern 4 Paar Schuhe beim Schuster ab um ordentliche Absätze machen zu lassen
  • taute das Gefrierfach ab
  • sortierte die darin enthaltenen Kräuter neu
  • mistete das Marmeladen- und Öl-Regal aus
  • ordnete meine Schreibwaren, warf 37 Kugelschreiber weg und spitzte 15 Bleistifte
  • putzte und sortierte das Kastl unter dem Waschbecken, wo wirklich, wirklich, nie wer reinschaut
  • reduzierte die Anzahl an Kisten mit der Aufschrift „diverse Elektronik“ von zwei auf eine
  • entsorgte Altmedikamente
  • trennte mich von Einmachgläsern die ich nicht mehr benötige
  • räumte hier am Blog den Ordner „Beitragsentwürfe“ auf (publizieren oder löschen)
  • und, um meine Obsession zu veranschaulichen: Sortierte alle Belege und Rechnungen zuerst aus, und räumte sie dann von einer dicken Registermappe in einen Ringordner um. Dafür habe ich sogar eigene Klarsichthüllen gekauft.

Daniel, der Arme, kommt meiner Besessenheit auch nicht aus. „Brauchst du die noch?“ – Ich halte ihm 8 Hosen vor die Nase. „Sollen wir die nicht woanders aufheben?“ – Ich wachle mit 10 Familienfotos. Ich identifiziere jede lange ignorierte Unordnung, zerre sie ans Tageslicht, leere sie am Fußboden aus, sortiere sie, werfe weg, putze, setze instand. I am unstoppable. Ich bin vielleicht ein bisschen durchgedreht. Ich bekomme ein Kind.

Der Mutterschutz ist die schönste Zeit, haben sie gesagt. Gerade beim ersten Kind! Überleg dir, welche Serien du schauen möchtest, du musst total viel schlafen, und ihr solltet auch viel zu  zweit unternehmen! Ich habe für solche Dinge keine Zeit, ich sortiere. Wenn ich fernsehe, sortiere ich die Aufnahmen am digitalen Videorecorder. Wenn ich ins Handy schaue, lösche ich überflüssige Fotos, entfolge Leuten auf Twitter, räume meine Facebook Timeline auf. Wenn ich mit dem Gesicht nach unten versteckt in meinem Bett liege, kreisen meine Gedanken um die Gewürzschublade. Sie ist das wahrscheinlichste nächste Opfer.

Glasklar, woher dieser Wahn kommt: Es macht glücklich, Dinge unter Kontrolle zu haben. Das einzige, was momentan länger ist als die Liste an Ausmist-Projekten ist meine Liste an Dingen, die ich nicht unter Kontrolle habe. Wie wird die Geburt. Wie wird mein Leben danach. Wie sieht dieses Kind aus. Wie wird dieses Kind sein. Wie geht die Wien Wahl aus. Wie geht das in Syrien aus. Wie geht die Wirtschaftskrise aus. Wie soll ich mich mit Kind und Schlafentzug für diese Dinge interessieren.

Im Gegensatz dazu ist es leicht zu entscheiden, ob ich das Chilipulver oder die alten Vanilleschoten aufbehalten soll (nein – sicher ausgeraucht, ja – für Milchreis). Wird das Kind Milchreis überhaupt mögen?

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter cheerio!, culture

Eine Antwort zu “Sortieren.

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