Rookie

Die kleine Nora kam am 5.11.2015 zu Mittag nach 12 Stunden Plagerei zur Welt. Das beste an der Geburt war die Periduralanästhesie. Das Schlimmste war das Ende. Die Ärztin zog von unten, die Hebamme drückte von oben – irgendwie kam das Baby doch raus. Danach fühlte ich mich um meinen Erfolg gebracht: Da überlebt man so eine Geburt, aber die Schmerzen sind immer noch nicht vorbei. Nachwehen: schmerzhaft. Stillen: schmerzhaft. Aufstehen: schmerzhaft. Hinsetzen: schmerzhaft. Umdrehen: schmerzhaft. Und so weiter.

30 Ferrero Küsschen und einige Tage später fuhren wir mit dem Baby heim (Weg zum Auto: schmerzhaft), und seither dominiert die SORGE. Windelpilz. Hüftreifeverzögerung. Schnupfen. Mehr braucht es nicht: Ich werde zum weinerlichen Häufchen Muttersorge, Daniel muss mich entgegen seiner leicht hypochondrischen Neigung überzeugen, dass alles nicht so schlimm, und auch nicht meine Schuld ist. Ich lese währenddessen 6 Babybücher und das halbe Internet zum Thema aus, letzteres empfiehlt, mir mehr Sorgen zu machen, und natürlich ist alles meine Schuld. Ich versuche, Daniel zu glauben. Es gelingt nicht immer. Wie eine besorgte Besessene kümmere ich mich um das Kind, in meinem Kopf Platz für andere Dinge zu machen kostet echte Anstrengung. Die Attentate in Paris haben mich nicht die Bohne interessiert. Die Vorweihnachtszeit war eine Randnotiz. In der Arbeit war ich für 20 Minuten auf Besuch.

Mit Ende des Mutterschutzes haben sich die Schmerzen gelegt. Gestern lichtete sich der Nebel im Hirn kurz. Ich habe mich freiwillig länger über etwas anderes als das Baby unterhalten, mich daran erinnert, dass mich Politik und Wirtschaft interessieren. Und mich dann heute gefragt, wie eigentlich eine gesunde Identität als Elternteil aussieht. Also eine, die nicht nur aus Sorgen besteht. Bisher war ich Partnerin, Tochter, Schwester, Freundin, Mitarbeiterin, Sektionsvorsitzende. Mama ist neu dabei. Gemessen an der Energie, die ich in die anderen Facetten meiner Identität schon gesteckt habe, relativiert sich die Baby-Besessenheit. Ich bin eben eine Rookie-Mom, eine blutige Anfängerin. Nora wird mir die Anfängerinnenfehler schon verzeihen.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter serious

Eine Antwort zu “Rookie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s