Archiv der Kategorie: clever shit

documentations of brighter moments.

Lean in? Go home early.

Es wird nicht einfacher, wenn man älter wird: Was ist ein gutes Leben? Brauche ich dafür einen Beruf, aus dem ich so viel Anerkennung und Sinn ziehen kann, dass ich dafür auch liebend gerne 10 Stunden am Tag dort sitze? Neben der klitzekleinen Frage, wie man eigentlich zu so einem Job kommt finde ich es manchmal noch schwieriger mir zu überlegen, was ist, wenn nicht. Also, wenn dieser Wunsch nach einem erfüllenden Beruf einfach eine relativ einfache Ausrede dafür ist, um die Frage nach dem „wozu“ an die ArbeitgeberInnen zu delegieren.

Dann müsste man sich nämlich selbst überlegen, wofür man gut ist, worin man seine Energien stecken mag, oder worauf man stolz sein will. Gar nicht so easy, finde ich – vor allem, weil es ja einer Haltung widerspricht, die, wie ich finde, von jungen akademisch gebildeten Frauen verlangt wird: lean in! Meine Übersetzung: Alles fürs Berufsleben. Zeit für Beziehung, Freundschaften, Familie, Hobbys, unbezahlte politische Projekte zu investieren ist nur erlaubt, wenn das mit der Karriere passt. Wer dann mit Kindern auf Teilzeit geht hat irgendwie versagt, es eben doch nicht geschafft, dem Patriarchat ein Schnippchen zu schlagen. Und dementsprechend ist es auch ein Stück weit die eigene Schuld, wenn selbiges Patriarchat weiterhin unbehelligt seines Amtes weilt.

Während ich studiert habe, war bei mir nur lean in: Studium, VSStÖ, ÖH, ein paar Praktika, mal ein wissenschaftliches Projekt… Die Tage waren nie lang genug, alles unterzukriegen, ich war nie rechtzeitig mit allem fertig und hab mir immer viel mehr vorgenommen, als ich geschafft hab. Gleichzeitig war gerade das politische Engagement extrem aufregend, andere Jobs haben es dagegen schwer. Auch wissenschaftliche Arbeit: Wozu macht man das, wenn man es beruflich nicht braucht? Meine Diss hält passenderweise gerade Winterschlaf. Jetzt habe ich einen Vollzeit-Job, den ich mal mehr, mal weniger spannend finde. Ich habe jedenfalls das Bedürfnis, auch in meiner Freizeit sinnstiftenden Tätigkeiten nachzugehen.

Das taugt mir meistens sehr. Ich hatte noch nie so viel schön gestaltete Freizeit, wie jetzt. Ich fand unsere Wohnung noch nie so gemütlich, kann mir für FreundInnen und Familie Zeit nehmen und wenn ich wegen meinem Rücken mal 2x die Woche zur Physiotherapie muss habe ich nicht das Gefühl, vielen wichtigen Verpflichtungen nicht nachkommen zu können. Hin und wieder kriege ich einen Rappel, weil ich eigentlich die Weltherrschaft im Berufsleben an mich reißen möchte. Dann denke ich mir, was ich unter den meisten geltenden Arbeitskulturen dafür aufgeben müsste.

Diese Erfahrung hat mich heikler gemacht, welche Jobs ich später gerne einmal haben möchte. Ich will die Weltherrschaft nur noch dann, wenn ich pünktlich heimgehen kann. Und wenns mal ein paar Stunden mehr braucht, um ein tolles Projekt fertigzumachen, will ich meine Freizeit später zurück.

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Fertig aufgeregt.

Mein politisches Blogging- und Posting-Verhalten folgt oft dem gleichen Schema: Ich lese was im Internet, empöre mich darüber und erkläre hier, oder auf Facebook oder auf Twitter, was grad meiner Meinung nach die aktuelle Katastrophe ist. Davon hab ich jetzt glaub ich genug. Das frustet mich einfach. Auf Twitter habe ich eine „three strikes and you’re out“-Policy eingeführt – wer mich dreimal aufregt wird entfolgt, so haben ein paar österreichische Alphatwittermänner dran glauben müssen, und ich habs nicht bereut. Dafür folge ich Leuten, die ich interessant und witzig finde, an spannenden Orten wohnen, oder die Artikel posten, auf die ich sonst nie kommen würde. Ich hab mich gefragt, ob das der Rückzug ins Private ist, der mir dann mit Ende Zwanzig komplett bevorsteht. Dann habe ich mich ein bisschen mit dem Konzept „Politik und Macht sind nicht dasselbe“ auseinandergesetzt und finde sehr viel sinnvolles daran. Antje Schrupp erklärt das hier vertretene Konzept von Politik so:

„Der Vorschlag wäre also, [Politik] so zu definieren, dass Politik überall da vorhanden ist, wo sich Menschen darüber austauschen, welche Regeln in der Welt gelten sollen. Und zwar dann, wenn sie das nicht nur aus einer egoistischen Perspektive tun oder um ihre eigenen persönlichen Interessen zu vertreten, sondern um die gemeinsame Welt im Sinne aller zu gestalten. Diese Art von Politik findet natürlich nicht nur in Parteien statt, nicht nur in Parlamenten, sondern überall. Sie findet auch auf der Straße statt, in Nachbarschaften, am Küchentisch, eben überall da, wo Menschen zusammenkommen und trotz ihrer Unterschiedlichkeit Regeln finden müssen, wie sie es jetzt handhaben wollen oder woran sie sich orientieren möchten.“

Ich mag diesen Vorschlag. Und das erklärt auch meine Abneigung gegen die üblichen Internet-Diskussionen über Politik. Sie konzentrieren sich in ihrer Aufregungsökonomie ausschließlich auf einen kleinen Teil von Politik: Welche Partei hat ihre Interessen wo durchgebracht, welche ist wo gescheitert, wer ist am Scheitern schuld? Politik ist dort gleich Machtpolitik (Schrupp: „die institutionelle Ämterpolitik eben“), und das ist oft relativ öd. Nicht, dass ich was gegen institutionelle Ämterpolitik hätte – ich finde die sogar ganz gut, sonst wäre ich ja in der Sozialdemokratie schlecht aufgehoben. Aber das ist eben nicht alles. Es gibt so viele verschiedene Orte und Mittel, wo und wie Politik gemacht wird. In meiner Beziehung, meiner Familie, meinen Freundschaften, meiner Uni, meinem Job, meinen Ecken des Internet, meiner Küche, meiner SPÖ-Sektion.  Der Erfolg politischer Versuche kann sich, finde ich, nicht ausschließlich an einem Gesetzestext messen, sondern an veränderten Einstellungen, Einsichten und Kooperationen. Das ewige „der hat das gesagt – der hat das gesagt – die haben das gemacht – die haben das nicht durchgebracht“ – Geschrei darf man nicht mit Politik verwechseln. Und ich möchte in Zukunft noch viel weniger dazu beitragen, dass diese Verwechslung  die Vorstellung von Politik einengt. Fertig aufgeregt. 

Nachtrag: Den Artikel hab ich erst heute gepostet, geschrieben hab ich ihn aber schon vor Monaten (Ende August). Heut hab ich ihn nochmal durchgelesen und noch immer für postenswert befunden.

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Transparenz als soziale Frage

Fast hätt ich den Artikel auch in die ewigen Jagdgründe der unveröffentlichten/unvollständigen Blogartikel geschickt, aber weil offenbar alle im Internet eine Meinung zu folgenden Themen haben, hab ich meine auch aufgeschrieben:

1) Partei-Mitgliedschaft: Jede_r, wie er/sie mag! In einer Partei Mitglied zu sein ist letztlich eine höchstpersönliche Angelegenheit.

2) Transparenz: Das ist genau jene Anforderung, der sich Parteien im „Internet-Zeitalter“ nicht  entziehen können. Eine halbwegs kluge Position zum Urheberrecht kommt da sicher erst an zweiter Stelle – das System Politik zu einem Gläsernen zu machen, an erster. Der Anspruch, dass man sich bezüglich der eigenen Budgets und Netzwerke nicht in die Karten schauen lassen will, wird sich gerade wegen des Internets nicht aufrecht erhalten lassen. Gibt man sein Zeug nicht freiwillig raus, liefert irgendwer Akten an den Falter oder hackt irgendwelche Datenbanken. Und diese Geheimniskrämerei macht ja auch keinen Sinn – damit gewinnt man keine Wahl. Zumindest konnte mir das noch nie wer erklären oder belegen.

3) Punkt 2 ist eine Position, die in der SPÖ nicht mehrheitsfähig ist, im Rest der Bevölkerung aber schon. Darum wird das der SPÖ viele WählerInnenstimmen kosten.

4) Transparenz ist tatsächlich auch für die „Unterschichten“ ein relevanter Punkt. Niki schreibt am Sektionsblog, diese U-Ausschuss-Geschichte befüttere die postdemokratische Spirale von Skandalisierung, Emörpung und Inhaltsentleerung (oder so), und sei im Vergleich zur Euro-Krise, Fiskalpakt etc. in den Auswirkungen für die Lebensrealität der Bevölkerung recht wurscht. Das mag zwar aus einer materialistischen Perspektive heraus stimmen, aber das Spektakel betrifft sie doch, denn: Sozial Schwache gehen seltener wählen als Gebildete, beteiligen sich in geringerem Ausmaß an zivilgesellschaftlichen Initiativen und finden, die PolitkerInnen „da oben“ interessieren sich einen Scheiß für sie sondern richten sich alles so, wie es ihnen am besten passt. Auch deshalb konnte Jörg Haider mit seinem Feldzug gegen Politikerprivilegien Wahlkämpfe gewinnen. Nicht, weil das den tatsächlichen Verhätnissen in der Politik entsprochen hätte. Sondern weil sich eine absteigende Mittelschicht verarscht vorkommt. Die wählte (auch) als Protest blau, zukünftig vielleicht Stronach, und vielfach einfach gar nicht mehr. Es bringt ja eh alles nix, so ihr Eindruck. Vor mir liegt grad das Buch „Entbehrliche der Bürgergesellschaft“ und darin findet sich zum Beispiel so ein Zitat eines sozial Benachteiligten: „Ich halte von den ganzen Parteien nichts. Weil, ich festgestellt habe, vor der Wahl sprechen sie einem das Blaue vom Himmel runter, und wenn sie dann gewählt sind, dann wollen sie davon nichts mehr wissen. Also kannst du alle in einen Sack packen und draufhauen, dann triffst du immer richtig. Taugen alle nichts.“

Das faktische Abdrehen des Korruptions-UAusschusses wird die Schicht also nicht überraschen, sondern in ihren jahrelangen Politik-Verweigerungsstrategien bestärken. Das ist verständlich, führt aber zu einer weiteren Marginalisierung sozial Schwacher in der Politik: Sie gehen nicht wählen, sind damit keine Zielgruppe, mit der man Wahlen gewinnen könnte, und verlieren damit noch mehr an Relevanz. Die Nonchalance, mit der fast alle österreichischen Parteien mit Demokratiedefiziten wie Korruption umgehen, verstärkt den sozialen Graben, den 3 Jahrzehnte Neoliberalismus in unserer Demokratie hinterlassen haben, weiter.

Vielleicht kann man der SPÖ die Transparenz schmackhafter machen, wenn man sie als soziale Frage definiert: Lauter politikverdrossene Arme schaden der Sozialdemokratie. Und es ist die Aufgabe der SPÖ, sich nicht nur sachpolitisch für die einzusetzen, denen es nicht gut geht, sondern ihnen auch Wege zur politischen Beteiligung und Organisation zu zeigen. Den Eintritt in die SPÖ zum Beispiel. Und das wird nur dann möglich sein, wenn jeder Verdacht der Korruption und Klüngelei glaubhaft ausgeräumt wird. Dafür müssen halt auch die „da oben“ in Untersuchungsausschüsse geladen werden.

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Fairness.

Man könnte meinen, ich hätte in meinem Leben nicht viel besseres zu tun, als über verschiedenste Medien zu schimpfen. Naja, andere Leute haben komischere Hobbys, also:

Liebe österreichische Medienlandschaft, liebe Redaktion von Online- und Printstandard,

Könntet ihr bitte aufhören, der Männerrechtsbewegung im Rahmen der Obsorge-Debatte bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Profilierungs-Bühne zu bieten?

Für den STANDARD (online und print) habe ich mir die Beiträge der letzten Jahre zu dem Thema angesehen. Seit August 2010 wurden zehn Kommentare von Väterrechtlern, einem Kleriker und einem Redaktionsmitglied veröffentlicht, die die ablehnende Haltung feministischer Frauen zur automatischen gemeinsamen Obsorge für Kinder nach Trennungen als diskriminierend, weltfremd, männerhasserisch oder schlichtweg dumm darstellen (hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hierhier und hier). Dem stehen vier Beiträge von Frauen gegenüber (hier, hier, hier und hier.), in denen Gegenargumente vorgebracht werden. Würden andere Zeitungen, etwa die Krone, ein derartiges Missverhältnis produzieren, spräche man von einer politischer Kampagne des Blattes und würde politische Interventionen vermuten. Dem STANDARD geht es hier wohl um die Kontroverse – jetzt diskutieren einmal die Leute! Die antifeministischen Forumstrolle freut es, endlich lesen sie mal was nach ihrem Geschmack.

Ein verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Rolle im Diskurs ist das nicht. Tageszeitungen, besonders solche wie der STANDARD, die Unabhängigkeit und ein liberales, aufgeklärtes Weltbild in ihren Leitlinien stehen haben, wiegen als institutionelle Meinungsbildnerinnen in dieser Auseinandersetzung schwer. Denn auch LeserInnenbriefe (sei es jetzt online oder im Print) werden von Redaktionen bewusst ausgewählt, weil sie ihrer Meinung nach ein wichtiges Argument in der öffentliche Debatte transportieren. Was von einem Qualitätsmedium als publikationsreif eingestuft wird, gewinnt an „objektiver Wahrheit“, denn das Auseinanderhalten von relevanten Anliegen, Einzelmeinung und Themen-Kampagnen von Interessensgruppen gehört zum Aufgabenbereich der Zeitungen, auch in ihren Meinungs- Ecken.

Das hat der Standard in der Obsorge-Debatte nicht gemacht. Wer am lautesten schreit, wird abgedruckt oder online gestellt. Das Problem ähnelt dem im  „he says“-„she says“-Journalismus. Wenn JournalistInnen meinen, dass ausgewogene Berichterstattung bedeutet, Stimmen aus allen politischen Lagern zu Wort kommen zu lassen, ist das ein Missverständnis. Das US-amerikanische National Public Radio (NPR) produziert ausgezeichnete politische Berichte, in ihrem kürzlich überarbeiteten Ethik-Handbuch für JournalistInnen findet sich folgender Hinweis zum Thema „Fairness„:

„At all times, we report for our readers and listeners, not our sources. So our primary consideration when presenting the news is that we are fair to the truth. If our sources try to mislead us or put a false spin on the information they give us, we tell our audience. If the balance of evidence in a matter of controversy weighs heavily on one side, we acknowledge it in our reports. We strive to give our audience confidence that all sides have been considered and represented fairly.“

Wenn wer Medien anlügt, wird das also explizit gemacht, und nicht als Aussage abgedruckt. Wenn wer versucht, die Realität zu verschleiern, wird das angeprangert. Die Väter- bzw. Männerrechtsbewegung spricht von systematischer Männerdiskriminierung durch Richterinnen in Obsorge-Fragen, der „Lüge“ Frauendiskriminierung in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen, schlicht: Stellt wüste Behauptungen auf, die sich mit einem kleinen bisschen Recherche als politisch instrumentalisierte Un- und Halbwahrheiten herausstellen. Wenn eine Tageszeitung solche Argumente fast quartalsmäßig abdruckt, ist sie an der Verzerrung des öffentlichen Diskurses mitschuld. Und das Argument, die Meinungs-Seite sei nun mal Austragungsort kontroversieller Debatten, gilt nicht: Alles, was am lachsrosa Papier gedruckt ist, wird ausgesucht, ausgewählt und ist Teil des Mediums. Die oben verlinkten Kommentare sind ja gerade nicht Einzelmeinungen auf privaten Blogs, sondern auf derstandard.at veröffentlicht.

Nicht der Wahrheit oder der fairen Berichterstattung, sondern dem Schaukampf in der Kommentarspalte gilt hier offensichtlich die Verpflichtung. Wer ein neues Beispiel dafür braucht, findet es in einem kürzlich veröffentlichtem derstandard.at Kommentar zur Debatte „Feminismus“: Welchen niveauvollen Austausch ein Text mit dem Titel „Gendersprache ist penetrant unsympathisch“ anregen soll, ist mir schleierhaft.

Lieber STANDARD, liebe Zeitungsredaktionen: Nur weil wer eine Meinung hat, muss man sie nicht abdrucken! Nur weil ihr täglich eure Kommentarseiten füllen müsst, könnt ihr nicht eure Qualitätskriterien dafür über Bord werfen! Eure redaktionelle und inhaltliche Verantwortung hört nicht auf, bloß weil „Kommentar“ in der Kopfzeile steht.

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Lesetipp

Ich hab am Blog der Sektion 8 darüber geschrieben, warum alle unbedingt das neue Buch von Barbara Blaha und Sylvia Kuba lesen sollen. „Das Ende der Krawattenpflicht“ ist wirklich toll!

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99 percent.

Eine Büronachbarin fragte mich nach meinen Hobbys. So spontan sind mir keine eingefallen, zurück in meinem eigenen Büro sickerte es dann: ach ja, Politik. Ein paar Stunden später postet eine New Orleanser Musikerin den Treffpunkt für den hiesigen Solidaritätsmarsch mit #occupywallstreet. Sie und ihre Band werden dort sein. Zu Mittag noch fand ich Ezra Kleins Kommentar titelmäßig so abtörnend, dass ich ihn nicht gelesen hab („What does occupy Wall Street want?“ – das klang einfach zu sehr nach den hunderten österreichischen Zeitungskommentaren, die sich über die unorganisierten Audimax-BesetzerInnen beschwert haben). Und dann hab ich doch einen Blick gewagt – vielleicht ist das ganze doch nicht so winzig und unwichtig, wie gedacht, so sein Fazit.

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Atomkraft nein Danke – und was dann?

Der Aufschrei war groß: „Ich habs euch ja gesagt“ lautete der Subtext zahlreicher Facebook-Postings betreffend der Reaktor-Unfälle in Japan. Ich finde, hier wurde ziemlich selbstgerecht zur „Katastropheninformation“ beigetragen. Was aber für Japan (und den Rest der Welt) die Alternative zu Energie duch Kernspaltung wäre, das wissen die PosterInnen auch nicht.

Zu Japan (Infos aus dem gestrigen Im Zentrum und dem heutigen Interview mit einem der Science Busters – Professoren auf FM4):

  • In Japan stehen 55 AKWs
  • Japan hat die Möglichkeit der Energiegewinnung aus sauberen Quellen fast ausgereizt. An jeder möglichen Stelle wurde ein Staudamm gebaut, Solarenergie ist weit verbreitet, Windenergie kann aufgrund geographisch ungünstiger Verhältnisse (Taifuns!) kaum genutzt werden.
  • Japan verbraucht momentan rund 34,24 Barrel pro Kopf und Tag an Erdöl (Quelle: EIA 2009), im Vergleich dazu liegen die USA bei 60,4, Deutschland bei 29,9 BPD
  • Japan hat keine nennenswerten Rohstoffvorkommen, die zur Energieerzeugung genutzt werden könnten.

So, jetzt sollen die JapanerInnen also aus der Atomkraft aussteigen. Und dann? Dann müssten sie importieren: Kohle, Flüssiggas und Öl. In rauen Mengen. Und damit dann Strom erzeugen. Der weit verbreitete Mythos, dass Kohlekraftwerke in den 1970ern ausgestorben sind, wird ja bereits von den USA widerlegt. Dort wird die Hälfte der benötigten Elektrizität in Kohlekraftwerken erzeugt, diese Drecksschleudern sind auch ein wichtiger Grund für das Klimaproblem der USA. Und Japan soll auch diese Strategie verfolgen? Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Nicht aus sicherheitspolitischer Perspektive (China möchte auch Kohle haben, dann konkurrieren die am Weltmarkt, und diese Ölrenten-Regimes à la Saudi-Arabien über Gebühr zu unterstützen, ist auch nicht so großartig.), nicht aus wirtschaftspolitischer Perspektive (Die japanische Wirtschaft hätte dann vermehrt horrende und/oder extrem volatile Rohstoffpreise in ihrem ohnehin bereits jetzt schon sehr umfangreichen Wirtschaftsprobleme-Portfolio.) und schon gar nicht aus ökologischer Perspektive!

Ich bin die letzte, die für Atomkraft als saubere Energiealternative plädiert. Mit etwas Strom zu erzeugen, das auf Jahrtausende alles umbringen kann, was auch nur in die Nähe kommt, ist nicht klug. Es ist aber auch nicht klug, aus der Atomkraft auszusteigen, ohne saubere Alternativen anbieten zu können. Und mit ein paar Photovoltaik-Zellen ists hier nicht getan – die japanische Regierung setzte sich 2007 als Ziel, bis 2030 den Atomstromanteil am Gesamtverbrauch von 30 auf 40 Prozent zu steigern. Diesen Anteil im Elektrizitätsmarkt zu füllen, ist mit den momentan verfügbaren alternativen Energien einfach nicht möglich, glaube ich. Wenns so einfach wäre, hätten sies wohl schon gemacht.

Im Zentrum meinte gestern ein Typ, dass höchstens Energiesparpotentiale in privaten Haushalten ausgenützt werden könnten, denn die Wirtschaft hätte sich ohnehin schon so bemüht. Energiesparlampen, keine beheizten Klobrillen, so Zeugs halt.

Wiewohl ich davon überzeugt bin, dass individuelle Energiespar-Anstrengungen extrem viel Sinn machen, glaube ich, dass es nicht ausreichen wird, das Licht im Vorhaus abzudrehen, wenn wir auf Dauer ohne klimaschädliche und ganze Landstriche verseuchende Energieträger auskommen wollen. Wer nur von nachwachsenden Rohstoffen lebt, muss sich ziemlich einschränken: Keine Autos, keine Flugzeuge, keine Computer, keine Handys, keine elektrischen Zahnbürsten, keine Haarföhns, keine Heizungen, ich weiß nicht was alles noch nicht. Vielleicht auch keine Züge und kein Transport mehr außer Fahrräder. Ziemlich beklemmend, diese Vorstellung. Ein Wohlstandsverlust (gemessen an der Verfügbarkeit von Konsumgütern, Mobilität, Bequemlichkeit) geht damit in jedem Fall einher. Ich glaube, irgendeine Generation auf dem Planeten muss sich damit arrangieren, ich versteh aber durchaus, dass viele in Anbetracht dieser Alternative die Sintflut hinter sich akzeptieren.

Noch ein Lesetipp am Schluss: In „The Windup Girl“ von Paolo Bacigalupi gibts keine fossilen Brennstoffe mehr – in Federn gespeicherte Muskelkraft ist der wichtigste Energieträger. Coole Biopunk-Sci-Fi, ausgezeichnet konstruierte Welt. Aber dort leben?

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