Archiv der Kategorie: economy for everyone

nieder mit dem „ich versteh es nicht also muss es klug sein“- dogma. wirtschaft geht uns alle an.

KonsumentInnenmacht? eher nicht.

Jetzt wollen wir also mit der Macht des Konsums Niemetz Schwedenbomben retten, lese ich im Internet. Die Regale werden leergeräumt, um die tollen Teile weiter im Handel zu halten. Weil wir das Tschisi-Eis so sehr vermissen, darf nicht auch noch die Schwedenbombe daran glauben, und daher müssen wir KAUFEN, KAUFEN, KAUFEN.

Das freut die EigentümerInnen des Unternehmens, die in den letzten Jahr(zehnten) Niemetz ziemlich heruntergewirtschaftet haben dürften. Hohe Kapitalentnahmen, die nicht Investitionen sondern wohl einem privaten Tierliebe-Projekt dienten und eine inexistente Marketingstrategie führen dazu, dass die Arbeitsplätze von 66 MitarbeiterInnen gefährdet sind, 50 davon Frauen. (Quelle: Standard, toller Artikel, btw.). Die Solidaritäts-Kaufaktion soll nun dieses Unternehmen retten. Wozu? Die Schwedenbomben wirds weiter geben, InvestorInnen stellen sich ja eh schon an. Dank der Kaufwut der nostalgisch Veranlagten dürfte der Markenwert in den letzten Tagen auch noch ordentlich gestiegen sein. Und von einem Management, das tatsächlich das Unternehmen managed hätten wohl auch die ArbeitnehmerInnen mehr. Denn jede Soli-Kaufaktion ebbt einmal ab, und dann sind die Niemetz-Arbeitsplätze genauso gefährdet wie davor. Außerdem sind die Schwedenbomben als Süßigkeit echt nicht so super (Katharina Seiser lesen). Nichts desto trotz hat die Niemetz-Retten-Facebookgruppe über 30.000 Mitglieder.

Mich ärgerts, dass sich KonsumentInnen so leicht hinters Licht führen lassen und glauben, dass sie mit solchen Aktionen was total superes machen (Traditionsunternehmen retten oder so). Klar, die Firma dankt, weil die Kasse klingelt. Der Heini Staudinger war auch froh, als ihm das Grün-Alternative Österreich ob seiner Kampagne gegen die Finanzmarktaufsicht seine Schuhe förmlich aus der Hand riss. Dass er inhaltlich völlig daneben liegt, war denen auch wurscht – Hauptsache Zeitgeist, Hauptsache „guter Kleinunternehmer“, Hauptsache KonsumentInnenmacht. So ein Blödsinn. Wenn schon „verantwortlicher Konsum“, dann bitte nachdenken, wem ein Konsumboykott oder Konsumaufruf tatsächlich nützt und welchen Zweck er verfolgt. In der Internet-Aufregung vielleicht noch ein, zwei Artikel mehr lesen, bevor man sich zum Teil der emotional bewegten EinkäuferInnen machen lässt.

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rate the writers!

Ich habe ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und verstehe trotzdem vieles, was in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen steht nicht. Bei manchen Sachen ist mir das wurscht, bei anderen interessier ich mich einfach nicht genug, um alles, was ich nicht versteh, auf Wikipedia oder in bundesdeutschen Medien nachzulesen.

Heut gibts aber mal Neuigkeiten, wo es wichtig wäre, dass die Bevölkerung versteht, warum was wie gemacht wird, um sich ein Urteil bilden zu können. Und da nicht 100 Prozent der ÖsterreicherInnen einen mag.rer.soc.oec haben, geh ich mal davon aus, dass das, was ich nicht versteh, den/die DurschnittsösterreicherIn ebenso ratlos zurücklässt.

Schlagzeile: Der ÖVAG wird eine Milliarde an öffentlichen Geldern zugeschossen.

Hier ein paar naheliegende Fragen, und Vergleiche, wie im Standard, der Presse, der Wiener Zeitung und der Kronen Zeitung darauf geantwortet wird.

Wer ist noch mal schnell die ÖVAG? Sind das die Volksbanken?

Im Standard äußert man sich dazu kryptisch:

„Die Volksbanken haben sich am Montag auf eine neue Sektorstruktur geeinigt. Die Maßnahme ist vor allem für die Republik schmerzhaft, die dem Spitzeninstitut des Sektors, der Volksbank AG (ÖVAG), eine Milliarden Euro an Staatshilfe in Form von Partizipationskapital zur Verfügung gestellt hat.“

Dass Spitzeninstitut hier organisatorisch, und nicht als Beschreibung der Marktposition zu verstehen ist, hat sich mir erst später eröffnet.

Die Presse, solide:

 „Demnach übernimmt der Bund über 40 Prozent der ÖVAG-Anteile. Haupteigentümer bleiben die 62 Volksbanken in den Bundesländern.“

Die Krone schafft das ebenso souverän:

„In den letzten Wochen hatten ÖVAG-Chef Gerald Wenzel und sein Aufsichtsratschef Hans Hofinger noch gehofft, die Probleme gemeinsam mit den 62 regionalen Volksbanken lösen zu können, die mit 60 Prozent Hauptaktionär sind.“

Hier steht diese grundlegende Information zusätzlich dort, wo sie hingehört: am Anfang.

Wiener Zeitung:

„Am Montag waren dann die 62 Volksbanken am Zug. Sie stimmten schließlich einer Struktur zu, für welche die niederländische Rabobank Modell steht. Dabei steht die ÖVAG als Zentralorganisation an der Spitze des Sektors. Die 62 regionalen Volksbanken müssen in einen engeren Haftungsverbund eintreten und werden für ihr Spitzeninstitut in die Pflicht genommen.“

Naja, das wär besser gegangen. Zumindest werden wir hier über die Bedeutung des „Spitzeninstituts“ informiert und können uns ungefähr vorstellen, was gemeint ist.

Wer hat hier Mist gebaut? Und warum?

Standard:

„Grund für die desolate Lage sind vor allem Problemkredite in der Tochter Investkredit sowie das unverkäufliche Rumänien-Geschäft.“

Ahm. Wie war das noch mit dem analytischen Journalismus, der den LeserInnen Zusammenhänge erklärt und so?

Ähnlich die Presse:

„Die ÖVAG ist wegen Abschreibungen in Osteuropa und Vorsorgen für faule Kredite in Turbulenzen geraten.“

Wiener Zeitung: Irgendwo in einem anderen Zusammenhang versteckt gibts einen „Warum“-Teil, der ähnlich informativ ist, wie jene in Standard und Presse.

„Dem Vernehmen nach wollten die Volksbanken eine Abwicklungsbank, in der kriselnde ÖVAG-Assets wie das Rumänien-Geschäft, notleidende Unternehmenskredite der Investkredit oder das Leasinggeschäft vom laufenden Bankbetrieb abgespalten worden wären.“

Krone:

„Der hohe ÖVAG-Verlust 2011 hat folgende Ursachen: Hohe Abschreibungen auf Griechen-Papiere kosteten genauso Hunderte Millionen Euro wie die Verluste der Töchter in Rumänien und Ungarn. Die Beteiligung Investkredit musste um 300 Millionen abgewertet werden, 170 Millionen Euro verlor man bei der Kommunalkredit.“

Nicht perfekt, aber ein bisschen mehr kann ich mir hier vorstellen.

Was die ÖVAG in Osteuropa eigentlich macht(e) und warum sie da so gschaftig und offenbar ziemlich risikoreich herumfuhrwerkt(e), erklärt mir kein Mensch.

Wie viel Geld kriegen die jetzt von uns?

Standard:

„Die Maßnahme ist vor allem für die Republik schmerzhaft, die dem Spitzeninstitut des Sektors, der Volksbank AG (ÖVAG), eine Milliarden Euro an Staatshilfe in Form von Partizipationskapital zur Verfügung gestellt hat. Wie aus Verhandlerkreisen verlautete, buttert Finanzministerin Maria Fekter erneut mehr als eine Milliarde in die Bank.“

Also insgesamt zwei Milliarden?

Wiener Zeitung:

Die Republik hatte schon im April 2009 eine Milliarde Euro Partizipationskapital eingeschossen und Bank-Anleihen in Milliardenhöhe garantiert. Der für 2011 drohende horrende Verlust muss nun mit einem Kapitalschnitt von 70 Prozent abgedeckt werden. Dieser Anteil der ersten staatlichen Hilfstranche ist somit weg. Im Gegenzug muss das fehlende Kapital aufgefüllt werden. Dafür soll es eine Kapitalerhöhung um 480 Millionen Euro geben, an der sich der Bund mit 250 Millionen Euro und die Volksbanken mit 230 Millionen Euro beteiligen. Und obendrein werden neue Haftungen über 100 Millionen Euro fällig – in Summe entfallen 1,05 Milliarden auf den Bund.“

Die haben eine kleine (verwirrende? falsche?) Addition gemacht. Hier wird zwar klar, dass der Staat nicht noch eine Milliarde investiert, sondern von der ersten Milliarde 700 Millionen verloren hat, und jetzt noch 250 an Kapital und 100 in Haftungen draufgibt. Insgesamt gibt der Staat also 1,35 Mrd. für die ÖVAG her, davon sind 700 futsch, und 650 (noch) nicht. Oder?

Presse:

„Das bedeutet, dass der Bund von der eingesetzten Milliarde 700 Millionen Euro abschreiben muss. Eine ähnliche Aktion gab es im Vorjahr bei der Hypo Alpe Adria. Auch hier verlor der Steuerzahler im Zuge eines Kapitalschnitts 700 Millionen Euro. Bei der ÖVAG sind aber noch weitere Maßnahmen notwendig. Die Bank erhält im Zuge einer Kapitalerhöhung 480 Millionen Euro, davon wird der Bund 250 Millionen Euro zuschießen. Die restlichen 230 Millionen Euro stammen von den Bundesländer-Volksbanken. Zusätzlich übernimmt der Bund bei der ÖVAG Haftungen von 100 Millionen Euro.“

Solide.

Krone: Die helfen mit Aufzählungspunkten, das zu verstehen:

  • Wegen der gravierenden Verluste kommt es zu einem „Kapitalschnitt“ von 70 Prozent. Das bedeutet, dass alle Aktionäre der ÖVAG, neben den Volksbanken die deutsche DZ-Bank (23,4 Prozent), die Ergo-Versicherung (9,4 Prozent) und die RZB (5,7 Prozent), 70 Prozent des Wertes ihrer Beteiligung verlieren. Auch der Bund, der im Frühjahr 2009 eine Milliarde Partizipationskapital zur Verfügung gestellt hat, verliert davon jetzt 700 Millionen Euro.
  • Dafür wird die ÖVAG „rekapitalisiert“, das bedeutet, sie bekommt 480 Millionen Euro frisches Geld. Davon übernimmt 250 Millionen Euro erneut der Bund, rund 230 Millionen steuern die 62 Volksbanken bei, die die Aktienmehrheit behalten. Die Republik Österreich, die noch eine 100-Millionen-Euro-Bürgschaft zusätzlich aufbringt, wird direkt 49-Prozent-Aktionär und darf „Aufpasser“ in Vorstand oder Aufsichtsrat entsenden.
  • Die DZ-Bank leistet ihren Beitrag, indem sie die Filiale Frankfurt der ÖVAG-Tochter Investkredit übernimmt, wo 400 Miillionen Euro „faule“ Kredite drinstecken.
Den Tipsi in Millionen verzeihen wir großzügig, weils relativ verständlich ist und auch kein Additionsfehler dabei ist.
Ist das jetzt gut oder schlecht, dass das gemacht wird?
Standard: Hier schimmert durch, dass uns wenn wir das nicht gemacht hätten, Moody’s wohl auf die Finger gehaut hätte.
Presse: Die ÖVAG ist too big to fail.
„Das Volksbanken-Spitzeninstitut ist mit einer Bilanzsumme von über 30 Milliarden Euro die fünftgrößte Bank Österreichs. Sie gilt als „systemrelevant“ und muss bei Problemen vom Steuerzahler aufgefangen werden. Denn eine Pleite hätte dazu geführt, dass auch viele der 62 Bundesländer-Volksbanken in finanzielle Bedrängnis geraten wären. Der Volksbankensektor betreut in Österreich eine Million Kunden und beschäftigt in 540 Filialen über 5000 Mitarbeiter. In manchen Segmenten wie bei Klein- und Mittelbetrieben sind die Volksbanken die drittstärkste Bankengruppe Österreichs.
Regierungskreisen zufolge wäre bei einem Bankrott der ÖVAG der staatliche Einlagensicherungsfonds zum Zug gekommen. Dies hätte Österreich bis zu zehn Milliarden Euro gekostet.“
Vielleicht kann mensch sich über diese Interpretation streiten, aber es gibt zumindest eine!
Wiener Zeitung: ?
Krone: Hier wird auf die Frage „Warum zahlen wir den Scheiß?“ mit „SteuerzahlerInnen zahlen das nicht, sondern die Banken selbst“ reagiert.
„SPÖ-Finanzstaatssekretär Andreas Schieder sprach am Montagabend von einer „vollen Gegenfinanzierung“ durch Sektor und Banken: „Uns war wichtig, dass die Rettung der ÖVAG schlussendlich vom Kreditsektor und den Eigentümern getragen wird.“ Damit bleibe der Budgetpfad aufrecht, „daraus erwächst keine Zusatzbelastung für den Steuerzahler“, so Schieder.
Alles in allem eine eher lauwarme Performance der österreichischen „Qualitätsmedien“. Und der Krone Artikel ist gar nicht schlecht. Vielleicht sollte das einigen WirtschaftsjournalistInnen zu denken geben. Manche haben mit der Selbstreflexion ja schon angefangen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter economy for everyone, irgendwas mit medien

Schlagzeilenbattle.

1) bei diesem ganzen Weltwirtschaftsuntergangs-trara beginne ich nun doch was an dieser Maya-Prophezeiung zu finden. Außerdem kommt mir meine Diss grad so unwichtig vor. Wenn ich wenigstens über irgendwas mit Wirtschaft schreiben würde!

2) vor dieser Situation flüchte mich dann natürlich in Katzenvideos und die Schisaison. Letztere treibt schlagzeilenmäßig aber momentan wilde Blüten:

Gabs da ein Preisausschreiben für die schlechtesten sexy Wortwitze? Zum Glück bin ich leicht zu unterhalten.

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Eingeordnet unter economy for everyone, irgendwas mit medien, thesis

99 percent.

Eine Büronachbarin fragte mich nach meinen Hobbys. So spontan sind mir keine eingefallen, zurück in meinem eigenen Büro sickerte es dann: ach ja, Politik. Ein paar Stunden später postet eine New Orleanser Musikerin den Treffpunkt für den hiesigen Solidaritätsmarsch mit #occupywallstreet. Sie und ihre Band werden dort sein. Zu Mittag noch fand ich Ezra Kleins Kommentar titelmäßig so abtörnend, dass ich ihn nicht gelesen hab („What does occupy Wall Street want?“ – das klang einfach zu sehr nach den hunderten österreichischen Zeitungskommentaren, die sich über die unorganisierten Audimax-BesetzerInnen beschwert haben). Und dann hab ich doch einen Blick gewagt – vielleicht ist das ganze doch nicht so winzig und unwichtig, wie gedacht, so sein Fazit.

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Woran man Sexismus erkennt.

Heute am FB-Channel der WU entdeckt: „Tipps: Woran man ein gutes MBA-Programm erkennt“, Presse-Journalistin Andrea Lehky fasste Aussagen von Bodo Schlegelmilch, Dean der WU MBA Academy zusammen. Unter anderem findet sich folgender Absatz:

Wer darf teilnehmen?

Je anspruchsvoller die Zulassungsvoraussetzungen, desto besser das Programm. Es geht um das Niveau der Teilnehmer, ihre Vorbildung, Berufserfahrung, Seniorität, ihren Internationalisierungsgrad. Lernen und Austausch untereinander sind ein wichtiger Teil der Ausbildung. Als Messlatte: Der typische WU MBA- Kandidat ist 38 Jahre alt, männlich (nur 30 Prozent sind Damen) und hat 13 Jahre Berufserfahrung. 60% sind internationale Teilnehmer.

Jetzt bin ich allerdings ein bisschen perplex. Ein guter MBA ist also untrennbar mit dem Niveau der Teilnehmer (ohne Innen?) verbunden, dieses Niveau zeigt sich in den demografischen und biografischen Eigenschaften derselben, die wichtigste: Geschlecht. Wir „Damen“ (ich meine, wer verwendet dieses Wort überhaupt außerhalb von Toilettenkennzeichnungen?) sollten uns also mit unserem Bachelor zufrieden geben und uns den MBA lieber erheiraten. Ich möchte hier keinem/keiner böse Absichten unterstellen, sexistisch handeln aber alle an dieser Story beteiligten (bewusst oder unbewusst ist ja im Endeffekt nebensächlich):

Bodo Schlegelmilch, der die „Norm“ des exzellenten MBA-Studierenden als Mann mittleren Alters festlegt,

Andrea Lehky, die das entweder unkontextualisiert (vielleicht hat Schlegelmilch ja gemeint, die Männerlastigkeit sei ein Problem und sie hat es verschwiegen) oder unkommentiert veröffentlichte,

die WU Wien, die das auf ihrem FB-Channel unkommentiert veröffentlichte und den Studierenden durch die Kommunikation über diesen offiziellen Kanal suggeriert, das sei die Meinung der Uni.

Brrr. Mich schüttelts.

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Irland, also.

Ich muss mich wirklich über die Berichterstattung bezüglich der Finanz- und Wirtschaftskrise in Irland ärgern. Unkommentiert plappert der Pröll in der ZIB, dass die österreichischen SteuerzahlerInnen ja eh nicht zur Kasse gebeten werden, er habe nur Garantien gegeben und kein Bargeld. Darüber hinaus müsse Irland jetzt ohnehin ein Sparpaket in der Höhe von 15 Milliarden Euro durchdrücken und dann ginge das schon wieder. Das bringt jedes Land wieder auf die Beine.

AAAAH. schrie sie im Fitnesstudio laut heraus und schaltete den Hometrainer eine Stufe nach oben.

5 Minuten Recherche auf Wikipedia und hier ergeben:

– Irland hat die niedrigste Staatsquote in Europa (ungefähr 35 Prozent). Das heißt, dass Irland im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung am wenigsten öffentliche Ausgaben tätigt. Jetzt sollen sie sparen, sparen, sparen – da bleibt aber dann kein Staat mehr übrig, den ma retten könnte. 15 Millarden sind nämlich knapp ein Zehntel von deren BIP.

– die niedrige Staatsquote deutet auf einen höchstens rudimentären Wohlfahrtsstaat hin. Die Arbeitslosigkeit liegt jetzt schon bei 12,5 Prozent. Sparen wir noch ein bisschen, dann kriegen wir sicher auch 25 Prozent hin! Und wenn die Arbeitslosenversicherung so gut ausgebaut ist wie in den USA, werden wir sehen, ob Griechenland oder Irland die besseren PflastersteinwerferInnen hat.

– Irland ist das beste Beispiel dafür, dass neoliberale Wirtschaftsstrategien nicht funktionieren! Wer sich zu tode liberalisiert, die Körperschaftssteuer auf 12 Prozent senkt und ALLE Erwerbseinkommen mit mindestens 35 Prozent besteuert, also kräftig von unten nach oben umverteilt, kriegt halt eher früher als später ein Problem. Und Steueroase sein ist nur so lange lustig, wie das Budget hält. Jetzt hält das Budget nicht mehr, der Rettungsschirm wird gespannt, der Druck auf Irland wird groß genug, dass sie von der Steueroase in den EU-Steuerdurchschnitt umziehen müssen und flugs sind die Unternehmen weg. Und das Kapital. Und die Verbuchung der Unternehmensgewinne in der irischen VGR. Facebook ist nämlich überraschender Weise nicht wegen der guten Infrastruktur nach Irland gekommen. Wie denn auch, bei der Staatsquote…

Warum schaut sich bei solchen Analysen eigentlich nie irgendwer die Realwirtschaft an? Die Entwicklung der Lohnqoute, den Gini-Koeffizient, die Sozialquote, das Bildungssystem, die Armutsgefährdung der Bevölkerung, die Rolle des privaten Konsum für die Wirtschaft, das Steuersystem. Das nächste Mal, wenn ein Typ aus der „Wirtschaftsredaktion“ der ZIB 20 da steht und der österreichischen Bevölkerung erklärt, das alles wäre wegen einer „Immobilienblase“ geschehen und sich dann noch wundert, dass kein Mensch checkt (vermutlich am wenigsten er selbst), was er damit meint, mach ich einen auf Rockstar und werf den Fernseher aus der Wohnung. Oder töte den Bildschirm am Hometrainer im Fitnesstudio mit einem halben Liter isotonischem Getränk.

Zur Rettung an sich: András Szigetvari hat gut zusammengefasst: Bei der Rettung gehts nicht um Irland, sondern um die Deutsche Bank, die die größte Gläubigerin ist. heard it all before, haven’t we? Josef Urschitz von der Presse hat das auch erkannt. Und sogar der schreibt, dass Staatsrettungen nur den Banken zu Gute kommen und ma das bitte nicht machen sollte, sondern die Banken einfach die Abschläge, die uneinbringliche Forderungen halt mal sind, schlucken lassen sollt.

Und hier ist ein bisschen was zum irischen Entwicklungsmodell an sich und den Bedingungen, die die dortige Immobilienblase gefördert haben.

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JedeM seine/ihre Mary Poppins

Vorhin hab ich einen Kommentar im Standard gelesen, den ich ganz toll fand. Er weist darauf hin, dass das Skandalisieren von Problemen im Pflege-Bereich (aktuell: Hebammen) eigentlich zu kurz greift, die Krise liegt tiefer: Frauen sollen unter- oder unbezahlt Versorgungsarbeit leisten, eine Organisations- oder Aufgabenprivatisierung des Staates in dem Bereich zwingt Frauen zurück an den Herd, ans Krankenbett, ans Maxi-Cosi.

Ich hab für ein VSStÖ-Seminar mal ne (schlecht animierte) Prezi dazu gemacht und ungefähr ein Gigabyte Material dazu gesammelt – wer Bedarf hat, einfach mailen.

Gedanken hab ich mir natürlich auch gemacht, vor allem über folgende Frage:

Sind Leute, zu denen einmal die Woche eine Reinigungskraft kommt, schlechte Menschen?

Pragmatisch würd ich ein einfaches Kriterium dafür vorschlagen: Sind die Reinigungskräfte voll versichert und ist ihr Gehalt in Ordnung? Wenn ja, dann find ich das nicht verwerflich. Wenn nein, dann eher schon. Auch bei voll versicherten Reinigungskräften bleibt natürlich das grundlegende Problem ungelöst: weibliche, oft schlecht ausgebildete und meist migrantische Arbeitskräfte übernehmen Versorgungsarbeit, die völlig frei von Prestige und Karrieremöglichkeiten ist. Unsere Mütter und Großmütter haben das aber auch gemacht. Und kein Geld dafür bekommen (Sie machen es auch heute noch. Wer ist die billigste Babysitterin der Welt? Genau, die aufopferungsvolle gratis-(Schwieger)Mama). Bezahlt kann diese Arbeit aber zur Unabhängigkeit von Frauen beitragen.

Noch komplizierter wirds bei anderen Fällen. Beispiel: Eine migrantische Frau in Österreich ohne Aufenthaltsgenehmigung versucht zu überleben. Sie putzt bei wohlhabenden weißen Paaren und verdient dafür ein paar Euro schwarz – wie denn auch sonst. Den Markt gibt es, und einen Hauch von Win-Win-Situation kann mensch hier auch nicht verleugnen. Klar kann mensch das Asylrecht kritisieren, prekäre Arbeit ablehen und so weiter. Die Möglichkeit zur informellen Arbeit hilft der Migrantin aber trotzdem, wenn sie ihre Lebensbedingungen dadurch verbessern kann. Eine einfaches Richtig und Falsch gibt es hier einfach nicht.

Faule Staaten.

Allerdings haben einige Staaten mittlerweile diese Versorgungskette als gute Möglichkeit entdeckt, sich ihren Verfplichtungen in der Daseinsvorsorge zu entziehen. Beispiel Italien: Hier gibt es fast keine SeniorInnenheime oder öffentliche Pflegedienste, dafür ungebundene finanzielle Pflegezuschüsse (Pflegegeld), das nach Gutdünken auch in informelle Pflegearbeit gesteckt werden kann. Ohne illegale ArbeiterInnen würde die Altenpflege in Italien sofort den Bach runter gehen. Die Pflegerinnen selbst schicken das Geld meist nach Hause, leben bei den Familien, sprechen kaum Italienisch und haben keine Chance, am formellen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Und die Kirche übernimmt manchmal die Rolle als Vermittlerin dieser „Perlen“. Der Staat sieht zu und amnestiert immer wieder die Beteiligten, für ihn ist das am billigsten.

Diese Perversität in der Behandlung von Migrantinnen ist kaum zu überbieten: Einerseits alle am liebsten sofort abschieben wollen und das von allen Kirchtürmen brüllen, andererseits genau zu wissen, dass es ohne sie nicht mehr geht – wer kümmert sich denn sonst um den bettlägrigen Opa? Na das können die SlowenInnen besonders gut, die haben das im Blut. Solche rassistischen Diskurse weben sich hier immer wieder ein. Im übrigen haben sich mittlerweile auch Staaten die Pflegekräfte exportieren (z.B. Philippinen) dem globalen Versorgungsmarkt angepasst: Dort werden Menschen gezielt als PflegerInnen ausgebildet, um später ins Ausland zu gehen und Devisen zurück zu schicken.

öffentliche Infrastruktur…

Die einzige, aber auch wirklich einzige Möglichkeit, sinnvoll mit Versorungsarbeit umzugehen, ist die öffentliche Bereitstellung der Dienstleistungen. Es braucht genügend mobile Pflegedienste, SeniorInnenheime, Kinderbetreuung für alle Altersstufen, Schulkantinen, die vom Staat bereit gestellt werden. Denn auch der Staat, die OECD, die EU und wer auch immer sonst kann nicht auf der einen Seite eine höhere Frauenerwerbsbeteiligung fordern, und auf der anderen Seite Frauen durch die Rahmenbedingungen (Stichwort: Sparen, bis es quietscht) an den Haushalt ketten. Da muss ma sich irgendwann entscheiden.

… und Arbeitszeitverkürzung. Und dann werden wirs ja sehen.

Einige Versorgungsarbeiten wirds aber immer geben, die der Staat nicht übernehmen kann. Das Klo werden wir uns weiterhin selber putzen müssen. Auch die Unterhosen bringen DurchschnittsverdienerInnen wohl nicht in die Reinigung. Trotzdem scheint es manchmal schon zu viel verlangt, den eigenen Dreck wegzuräumen. Qua gender pay gap geht dann halt mal die Frau Teilzeit arbeiten, weil es sich sonst einfach nicht ausgeht.Irgendwann handeln wir alle nach ökonomischen Zwängen, das ist auch keineM vorzuwerfen. Ich glaube ja, Arbeitszeitverkürzung würde hier die einzige sinnvolle Lösung sein. Und gerade (pro-)feministischen Paare ein wenig auf die Probe stellen – wenn beide 30 Stunden arbeiten, wer putzt dann die Toilette? Wieder Mary Poppins, damit wir uns nicht mehr darüber streiten müssen?

PS: Auch auf die Gefahr hin, mich hier unbeliebt zu machen: Ich glaube Pflegegeld ist nicht die beste sozialpolitische Idee. Lieber SeniorInnenheime und mobile Pflegedienste (viel, viel mehr mobile Pflegedienste). Das schafft öffentliche Jobs, die im Gegensatz zur informellen Pflegearbeit zur Sozialversicherung beitragen. Weniger Loch in der SV-Kassa, weniger Frauen ohne Pensionsanspruch, weniger Schwarzarbeit, mehr Steuern für den Staat.

Ein Kommentar

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