Archiv der Kategorie: irgendwas mit medien

Fairness.

Man könnte meinen, ich hätte in meinem Leben nicht viel besseres zu tun, als über verschiedenste Medien zu schimpfen. Naja, andere Leute haben komischere Hobbys, also:

Liebe österreichische Medienlandschaft, liebe Redaktion von Online- und Printstandard,

Könntet ihr bitte aufhören, der Männerrechtsbewegung im Rahmen der Obsorge-Debatte bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Profilierungs-Bühne zu bieten?

Für den STANDARD (online und print) habe ich mir die Beiträge der letzten Jahre zu dem Thema angesehen. Seit August 2010 wurden zehn Kommentare von Väterrechtlern, einem Kleriker und einem Redaktionsmitglied veröffentlicht, die die ablehnende Haltung feministischer Frauen zur automatischen gemeinsamen Obsorge für Kinder nach Trennungen als diskriminierend, weltfremd, männerhasserisch oder schlichtweg dumm darstellen (hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hierhier und hier). Dem stehen vier Beiträge von Frauen gegenüber (hier, hier, hier und hier.), in denen Gegenargumente vorgebracht werden. Würden andere Zeitungen, etwa die Krone, ein derartiges Missverhältnis produzieren, spräche man von einer politischer Kampagne des Blattes und würde politische Interventionen vermuten. Dem STANDARD geht es hier wohl um die Kontroverse – jetzt diskutieren einmal die Leute! Die antifeministischen Forumstrolle freut es, endlich lesen sie mal was nach ihrem Geschmack.

Ein verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Rolle im Diskurs ist das nicht. Tageszeitungen, besonders solche wie der STANDARD, die Unabhängigkeit und ein liberales, aufgeklärtes Weltbild in ihren Leitlinien stehen haben, wiegen als institutionelle Meinungsbildnerinnen in dieser Auseinandersetzung schwer. Denn auch LeserInnenbriefe (sei es jetzt online oder im Print) werden von Redaktionen bewusst ausgewählt, weil sie ihrer Meinung nach ein wichtiges Argument in der öffentliche Debatte transportieren. Was von einem Qualitätsmedium als publikationsreif eingestuft wird, gewinnt an „objektiver Wahrheit“, denn das Auseinanderhalten von relevanten Anliegen, Einzelmeinung und Themen-Kampagnen von Interessensgruppen gehört zum Aufgabenbereich der Zeitungen, auch in ihren Meinungs- Ecken.

Das hat der Standard in der Obsorge-Debatte nicht gemacht. Wer am lautesten schreit, wird abgedruckt oder online gestellt. Das Problem ähnelt dem im  „he says“-„she says“-Journalismus. Wenn JournalistInnen meinen, dass ausgewogene Berichterstattung bedeutet, Stimmen aus allen politischen Lagern zu Wort kommen zu lassen, ist das ein Missverständnis. Das US-amerikanische National Public Radio (NPR) produziert ausgezeichnete politische Berichte, in ihrem kürzlich überarbeiteten Ethik-Handbuch für JournalistInnen findet sich folgender Hinweis zum Thema „Fairness„:

„At all times, we report for our readers and listeners, not our sources. So our primary consideration when presenting the news is that we are fair to the truth. If our sources try to mislead us or put a false spin on the information they give us, we tell our audience. If the balance of evidence in a matter of controversy weighs heavily on one side, we acknowledge it in our reports. We strive to give our audience confidence that all sides have been considered and represented fairly.“

Wenn wer Medien anlügt, wird das also explizit gemacht, und nicht als Aussage abgedruckt. Wenn wer versucht, die Realität zu verschleiern, wird das angeprangert. Die Väter- bzw. Männerrechtsbewegung spricht von systematischer Männerdiskriminierung durch Richterinnen in Obsorge-Fragen, der „Lüge“ Frauendiskriminierung in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen, schlicht: Stellt wüste Behauptungen auf, die sich mit einem kleinen bisschen Recherche als politisch instrumentalisierte Un- und Halbwahrheiten herausstellen. Wenn eine Tageszeitung solche Argumente fast quartalsmäßig abdruckt, ist sie an der Verzerrung des öffentlichen Diskurses mitschuld. Und das Argument, die Meinungs-Seite sei nun mal Austragungsort kontroversieller Debatten, gilt nicht: Alles, was am lachsrosa Papier gedruckt ist, wird ausgesucht, ausgewählt und ist Teil des Mediums. Die oben verlinkten Kommentare sind ja gerade nicht Einzelmeinungen auf privaten Blogs, sondern auf derstandard.at veröffentlicht.

Nicht der Wahrheit oder der fairen Berichterstattung, sondern dem Schaukampf in der Kommentarspalte gilt hier offensichtlich die Verpflichtung. Wer ein neues Beispiel dafür braucht, findet es in einem kürzlich veröffentlichtem derstandard.at Kommentar zur Debatte „Feminismus“: Welchen niveauvollen Austausch ein Text mit dem Titel „Gendersprache ist penetrant unsympathisch“ anregen soll, ist mir schleierhaft.

Lieber STANDARD, liebe Zeitungsredaktionen: Nur weil wer eine Meinung hat, muss man sie nicht abdrucken! Nur weil ihr täglich eure Kommentarseiten füllen müsst, könnt ihr nicht eure Qualitätskriterien dafür über Bord werfen! Eure redaktionelle und inhaltliche Verantwortung hört nicht auf, bloß weil „Kommentar“ in der Kopfzeile steht.

Werbeanzeigen

6 Kommentare

Eingeordnet unter clever shit, genderize, irgendwas mit medien, seriously?

rate the writers!

Ich habe ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und verstehe trotzdem vieles, was in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen steht nicht. Bei manchen Sachen ist mir das wurscht, bei anderen interessier ich mich einfach nicht genug, um alles, was ich nicht versteh, auf Wikipedia oder in bundesdeutschen Medien nachzulesen.

Heut gibts aber mal Neuigkeiten, wo es wichtig wäre, dass die Bevölkerung versteht, warum was wie gemacht wird, um sich ein Urteil bilden zu können. Und da nicht 100 Prozent der ÖsterreicherInnen einen mag.rer.soc.oec haben, geh ich mal davon aus, dass das, was ich nicht versteh, den/die DurschnittsösterreicherIn ebenso ratlos zurücklässt.

Schlagzeile: Der ÖVAG wird eine Milliarde an öffentlichen Geldern zugeschossen.

Hier ein paar naheliegende Fragen, und Vergleiche, wie im Standard, der Presse, der Wiener Zeitung und der Kronen Zeitung darauf geantwortet wird.

Wer ist noch mal schnell die ÖVAG? Sind das die Volksbanken?

Im Standard äußert man sich dazu kryptisch:

„Die Volksbanken haben sich am Montag auf eine neue Sektorstruktur geeinigt. Die Maßnahme ist vor allem für die Republik schmerzhaft, die dem Spitzeninstitut des Sektors, der Volksbank AG (ÖVAG), eine Milliarden Euro an Staatshilfe in Form von Partizipationskapital zur Verfügung gestellt hat.“

Dass Spitzeninstitut hier organisatorisch, und nicht als Beschreibung der Marktposition zu verstehen ist, hat sich mir erst später eröffnet.

Die Presse, solide:

 „Demnach übernimmt der Bund über 40 Prozent der ÖVAG-Anteile. Haupteigentümer bleiben die 62 Volksbanken in den Bundesländern.“

Die Krone schafft das ebenso souverän:

„In den letzten Wochen hatten ÖVAG-Chef Gerald Wenzel und sein Aufsichtsratschef Hans Hofinger noch gehofft, die Probleme gemeinsam mit den 62 regionalen Volksbanken lösen zu können, die mit 60 Prozent Hauptaktionär sind.“

Hier steht diese grundlegende Information zusätzlich dort, wo sie hingehört: am Anfang.

Wiener Zeitung:

„Am Montag waren dann die 62 Volksbanken am Zug. Sie stimmten schließlich einer Struktur zu, für welche die niederländische Rabobank Modell steht. Dabei steht die ÖVAG als Zentralorganisation an der Spitze des Sektors. Die 62 regionalen Volksbanken müssen in einen engeren Haftungsverbund eintreten und werden für ihr Spitzeninstitut in die Pflicht genommen.“

Naja, das wär besser gegangen. Zumindest werden wir hier über die Bedeutung des „Spitzeninstituts“ informiert und können uns ungefähr vorstellen, was gemeint ist.

Wer hat hier Mist gebaut? Und warum?

Standard:

„Grund für die desolate Lage sind vor allem Problemkredite in der Tochter Investkredit sowie das unverkäufliche Rumänien-Geschäft.“

Ahm. Wie war das noch mit dem analytischen Journalismus, der den LeserInnen Zusammenhänge erklärt und so?

Ähnlich die Presse:

„Die ÖVAG ist wegen Abschreibungen in Osteuropa und Vorsorgen für faule Kredite in Turbulenzen geraten.“

Wiener Zeitung: Irgendwo in einem anderen Zusammenhang versteckt gibts einen „Warum“-Teil, der ähnlich informativ ist, wie jene in Standard und Presse.

„Dem Vernehmen nach wollten die Volksbanken eine Abwicklungsbank, in der kriselnde ÖVAG-Assets wie das Rumänien-Geschäft, notleidende Unternehmenskredite der Investkredit oder das Leasinggeschäft vom laufenden Bankbetrieb abgespalten worden wären.“

Krone:

„Der hohe ÖVAG-Verlust 2011 hat folgende Ursachen: Hohe Abschreibungen auf Griechen-Papiere kosteten genauso Hunderte Millionen Euro wie die Verluste der Töchter in Rumänien und Ungarn. Die Beteiligung Investkredit musste um 300 Millionen abgewertet werden, 170 Millionen Euro verlor man bei der Kommunalkredit.“

Nicht perfekt, aber ein bisschen mehr kann ich mir hier vorstellen.

Was die ÖVAG in Osteuropa eigentlich macht(e) und warum sie da so gschaftig und offenbar ziemlich risikoreich herumfuhrwerkt(e), erklärt mir kein Mensch.

Wie viel Geld kriegen die jetzt von uns?

Standard:

„Die Maßnahme ist vor allem für die Republik schmerzhaft, die dem Spitzeninstitut des Sektors, der Volksbank AG (ÖVAG), eine Milliarden Euro an Staatshilfe in Form von Partizipationskapital zur Verfügung gestellt hat. Wie aus Verhandlerkreisen verlautete, buttert Finanzministerin Maria Fekter erneut mehr als eine Milliarde in die Bank.“

Also insgesamt zwei Milliarden?

Wiener Zeitung:

Die Republik hatte schon im April 2009 eine Milliarde Euro Partizipationskapital eingeschossen und Bank-Anleihen in Milliardenhöhe garantiert. Der für 2011 drohende horrende Verlust muss nun mit einem Kapitalschnitt von 70 Prozent abgedeckt werden. Dieser Anteil der ersten staatlichen Hilfstranche ist somit weg. Im Gegenzug muss das fehlende Kapital aufgefüllt werden. Dafür soll es eine Kapitalerhöhung um 480 Millionen Euro geben, an der sich der Bund mit 250 Millionen Euro und die Volksbanken mit 230 Millionen Euro beteiligen. Und obendrein werden neue Haftungen über 100 Millionen Euro fällig – in Summe entfallen 1,05 Milliarden auf den Bund.“

Die haben eine kleine (verwirrende? falsche?) Addition gemacht. Hier wird zwar klar, dass der Staat nicht noch eine Milliarde investiert, sondern von der ersten Milliarde 700 Millionen verloren hat, und jetzt noch 250 an Kapital und 100 in Haftungen draufgibt. Insgesamt gibt der Staat also 1,35 Mrd. für die ÖVAG her, davon sind 700 futsch, und 650 (noch) nicht. Oder?

Presse:

„Das bedeutet, dass der Bund von der eingesetzten Milliarde 700 Millionen Euro abschreiben muss. Eine ähnliche Aktion gab es im Vorjahr bei der Hypo Alpe Adria. Auch hier verlor der Steuerzahler im Zuge eines Kapitalschnitts 700 Millionen Euro. Bei der ÖVAG sind aber noch weitere Maßnahmen notwendig. Die Bank erhält im Zuge einer Kapitalerhöhung 480 Millionen Euro, davon wird der Bund 250 Millionen Euro zuschießen. Die restlichen 230 Millionen Euro stammen von den Bundesländer-Volksbanken. Zusätzlich übernimmt der Bund bei der ÖVAG Haftungen von 100 Millionen Euro.“

Solide.

Krone: Die helfen mit Aufzählungspunkten, das zu verstehen:

  • Wegen der gravierenden Verluste kommt es zu einem „Kapitalschnitt“ von 70 Prozent. Das bedeutet, dass alle Aktionäre der ÖVAG, neben den Volksbanken die deutsche DZ-Bank (23,4 Prozent), die Ergo-Versicherung (9,4 Prozent) und die RZB (5,7 Prozent), 70 Prozent des Wertes ihrer Beteiligung verlieren. Auch der Bund, der im Frühjahr 2009 eine Milliarde Partizipationskapital zur Verfügung gestellt hat, verliert davon jetzt 700 Millionen Euro.
  • Dafür wird die ÖVAG „rekapitalisiert“, das bedeutet, sie bekommt 480 Millionen Euro frisches Geld. Davon übernimmt 250 Millionen Euro erneut der Bund, rund 230 Millionen steuern die 62 Volksbanken bei, die die Aktienmehrheit behalten. Die Republik Österreich, die noch eine 100-Millionen-Euro-Bürgschaft zusätzlich aufbringt, wird direkt 49-Prozent-Aktionär und darf „Aufpasser“ in Vorstand oder Aufsichtsrat entsenden.
  • Die DZ-Bank leistet ihren Beitrag, indem sie die Filiale Frankfurt der ÖVAG-Tochter Investkredit übernimmt, wo 400 Miillionen Euro „faule“ Kredite drinstecken.
Den Tipsi in Millionen verzeihen wir großzügig, weils relativ verständlich ist und auch kein Additionsfehler dabei ist.
Ist das jetzt gut oder schlecht, dass das gemacht wird?
Standard: Hier schimmert durch, dass uns wenn wir das nicht gemacht hätten, Moody’s wohl auf die Finger gehaut hätte.
Presse: Die ÖVAG ist too big to fail.
„Das Volksbanken-Spitzeninstitut ist mit einer Bilanzsumme von über 30 Milliarden Euro die fünftgrößte Bank Österreichs. Sie gilt als „systemrelevant“ und muss bei Problemen vom Steuerzahler aufgefangen werden. Denn eine Pleite hätte dazu geführt, dass auch viele der 62 Bundesländer-Volksbanken in finanzielle Bedrängnis geraten wären. Der Volksbankensektor betreut in Österreich eine Million Kunden und beschäftigt in 540 Filialen über 5000 Mitarbeiter. In manchen Segmenten wie bei Klein- und Mittelbetrieben sind die Volksbanken die drittstärkste Bankengruppe Österreichs.
Regierungskreisen zufolge wäre bei einem Bankrott der ÖVAG der staatliche Einlagensicherungsfonds zum Zug gekommen. Dies hätte Österreich bis zu zehn Milliarden Euro gekostet.“
Vielleicht kann mensch sich über diese Interpretation streiten, aber es gibt zumindest eine!
Wiener Zeitung: ?
Krone: Hier wird auf die Frage „Warum zahlen wir den Scheiß?“ mit „SteuerzahlerInnen zahlen das nicht, sondern die Banken selbst“ reagiert.
„SPÖ-Finanzstaatssekretär Andreas Schieder sprach am Montagabend von einer „vollen Gegenfinanzierung“ durch Sektor und Banken: „Uns war wichtig, dass die Rettung der ÖVAG schlussendlich vom Kreditsektor und den Eigentümern getragen wird.“ Damit bleibe der Budgetpfad aufrecht, „daraus erwächst keine Zusatzbelastung für den Steuerzahler“, so Schieder.
Alles in allem eine eher lauwarme Performance der österreichischen „Qualitätsmedien“. Und der Krone Artikel ist gar nicht schlecht. Vielleicht sollte das einigen WirtschaftsjournalistInnen zu denken geben. Manche haben mit der Selbstreflexion ja schon angefangen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter economy for everyone, irgendwas mit medien

please…

… fall into oblivion:

Karl Lagerfeld.

Woody Allen.

Charly Sheen.

you make me want to vomit. people who adore you make me want to vomit.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter genderize, irgendwas mit medien, seriously?

Schlagzeilenbattle.

1) bei diesem ganzen Weltwirtschaftsuntergangs-trara beginne ich nun doch was an dieser Maya-Prophezeiung zu finden. Außerdem kommt mir meine Diss grad so unwichtig vor. Wenn ich wenigstens über irgendwas mit Wirtschaft schreiben würde!

2) vor dieser Situation flüchte mich dann natürlich in Katzenvideos und die Schisaison. Letztere treibt schlagzeilenmäßig aber momentan wilde Blüten:

Gabs da ein Preisausschreiben für die schlechtesten sexy Wortwitze? Zum Glück bin ich leicht zu unterhalten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter economy for everyone, irgendwas mit medien, thesis

Zum Glück.

Ich dachte schon, ich hätte meine Freude an der aktiven Web 2.0 (Disqualifiziert ma sich eigentlich als nicht-am-Puls-der-Zeit, wenn ma das Wort verwendet? Oder ists schon retro und ma ist wieder cool damit?) -Nutzung verloren. Zum Glück war das falscher Alarm, Grund für mein Muffeltum war bloß meine DIPLOMARBEIT, die ich in wenigen Stunden bei der Buchbinderei abholen werde. (Foto folgt, Ich habe mich für dunkelblauen Leineneinband mit silberner Prägung entschieden. M. wählte die türkise Variante – findet ihr nicht auch, sie hat kein Recht, über meine Glitzerschischuhe zu lästern?)

Ansonsten verbringe ich meine Zeit mit GLEE – ein Soundtrack für alle Situationen im Leben. Hello! I’m back on web.

2 Kommentare

Eingeordnet unter cheerio!, irgendwas mit medien

wahlanalysen.

Es macht ja wenig Sinn, am Tag nach der Wahl eine Wahlanalyse zur Wienwahl zu publizieren. Weil das tun genug andere, und in der Erkenntnistheorie gibts ja das bekannte Problem, dass jeder Gedanke  schon mal von wem anderen gedacht werden hätte können, originelle Wahlanalysen sind also auch vor dem Hintergrund schwer. Ich habe mich in den letzten Tagen also lieber durch viele Kommentare, Analysen, Meinungen und Artikel zur Wien Wahl gekämpft (zugegeben, den von Andreas Mölzer in der Presse hab ich ausgelassen) und versucht, die Argumente dieser AutorInnen zu sysetmatisieren.

Frage 1: Warum hat die SPÖ so viel an die FPÖ verloren?

Antwort A: Die Integrationspolitik der Stadtregierung ist verfehlt. Vieles wurde schöngeredet, die Probleme der Menschen ignoriert (Rainer Novak, Die Presse, Kotanko im Kurier). Es brauche „plausible Konzepte zur Integration“ statt „feelgood“-Politik, meinen die linkeren (Heidi Glück im Standard), es müsse endlich aufgehört werden, die Verfehlungen der muslimischen MigrantInnen hinter Kulturrelativismus zu verbergen (Ulrich „lernen’s a bisserl Geschichte, Herr Reporter“ Brunner in der Presse), es war ein Fehler, überhaupt so viele schlecht ausgebildete MuslimInnen einwandern zu lassen (Martina Salomon, Kurier), so die rechteren.

Antwort B: Zaudern, Zögern und defensive Themenpolitk bringen keinen Wahlsieg. Die Herumdruchserei mit dem Bundesbudget habe mehr geschadet als genützt (Robert Misik, Heidi Glück), bereits Erreichtes (Gratis-Kindergarten, U-Bahn-Ausbau und Volksbefragungs-Themen) wurde von der SPÖ nicht verkauft (Petra Stuiber, Standard). Die SPÖ Wien hat keine Visionen präsentiert (Brandstätter, Kurier).

Antwort C: Wer Strache als Feinbild definiert, treibt die mit der SPÖ unzufriedenen WählerInnen in seine Hände. Wem etwas an der Stadtregierung nicht passt, muss den Bürgermeistergegenkandiaten wählen, so wollte es die Wahlkampfinszenierung. (Rainer Novak, Die Presse, Michael Fleischhacker, Die Presse, ein bisschen auch bei Christoph Chorherr, Die Grünen)

Antwort D: Nicht zum Schmiedl, sondern zum Schmied geht der Ausländerfeind in Wien. Die Versuche der SPÖ, sich als Law and Order Partei zu positionieren, halfen der FPÖ. Das  wurde aber häufiger der ÖVP „vorgeworfen“. (Robert Misik, Anita Zielina im Standard, Paul Aigner in seinem Blog)

Antwort E: Die Partei ist am Sand. Michi Häupl war ein grantiger, müder, nicht voll einsatzfähiger Spitzenkandidat, im Bund steht alles still, die WienerInnen haben es verabsäumt, sich dagegen zu profilieren, WählerInnen lassen sich nicht mehr gemütlich einkochen. (Peter Ulram in der Presse, Heidi Glück, Petra Stuiber). Niki Kowall argumentiert im Blog der Sektion 8, dass die SPÖ zudem ein Rekrutierungsproblem habe, dass sie strukturell verbürgerlicht und damit ein glaubhaftes Eintreten für die Belange benachteiligter Gruppen nicht mehr möglich sei.

Der Misik hat irgendwie alle Argumente zu einem sinnvollen Ganzen verwoben, das ist auch ein bisschen sein Job.

Frage 2: Was muss die SPÖ tun, um die verlorenen WählerInnenstimmen von der FPÖ zurückzuholen?

hier sind die Antworten ein wenig dünn gesät.

Antwort A: Bessere Integrationspolitik. Die Linken sagen dazu nichts konkretes, die Rechten nichts brauchbares (z.B. Brunner)

Antwort B: Aufhören, die FPÖ auszugrenzen. Die Regierungsverantwortung würde schnell den Mythos FPÖ entzaubern (u.a. Thomas Strobl als Gastkommentar im Standard), Rot-Grün hingegen den Blauen noch mehr in die Hände spielen.

Antwort C: Rot-Grün. Weil rot-schwarz zipft die Politikverdrossenen nur noch mehr an (z.B. Misik)

Antwort D: Mit den Leuten reden, die die SPÖ nicht mehr wählen. Gabi Burgstaller meinte, die SPÖ solle in die „Ghettos“ gehen. Was ihrer Meinung nach dann passiert bwz. warum sie jetzt nicht dort ist und wenn sie dort ist, warum sie dort wenig erreicht, ist offen.

Antwort E: Andere Themen forcieren, sich um Aufstiegschancen Jugendlicher, Lebensqualität, Ausbildung, soziale Gerechtigkeit kümmern und Abstiegsängste verringern (so Günter Ogris bzw. Günter Traxler, Standard). Gö wirklich. Aber wie? Durch welches konkrete Projekt in Wien? Ok, ok, das muss sich die Partei selbst überlegen.

Gut, inwieweit sind wir jetzt schlauer geworden?

Antwort A: So mäßig. Aber die bürgerlichen Medien sind ja eh zum schmeißen und wir machen lieber irgendwas.

Antwort B: Die SPÖ Wien kann sich nur selber helfen. Und damit sollte sie schleunigst anfangen – Gutes verstärken (Ergebnisse bei Jungen, Frauen, Migrantinnen, Innenbezirke) und aufhören, an die FPÖ zu verlieren. Wie das geht? Weiß nicht, ich kann da auch nur Allgemeinplätze anbieten. Persönlich präsent sein. Politik auf Augenhöhe betreiben. Zuhören. Solidarität vorleben. Leute in die Parteiarbeit einbinden. Wissen, warum die Sozialdemokratie eine gute Idee ist und das weiter erzählen. Wissen, warum FPÖ-Politik für die Leute scheiße ist und das weiter erzählen. Offen für Neues sein. Ich lass es lieber, ich muss schon selbst über mich lachen. Was für ein unbefriedigendes Ende.

Und eine P.S. Antwort: Kein Kommentar hat empfohlen, mit der ÖVP zu koalieren.

6 Kommentare

Eingeordnet unter clever shit, irgendwas mit medien, serious

der anti-sexismus und der puritanismus.

vorweg: ich kenne keinen menschen, der hirter-bier trinkt. vielleicht ist es besonders ekelhaft, oder aber besonders unbekannt. letzteres problem scheint mit der neuen kampagne gelöst – die fasstypen, 3 nackte frauen (typen?) mit unterschiedlichen haarfarben, präsentieren seit geraumer zeit die tolle marke. leider hab ich grad kein verlinkbares foto gefunden, aber nicht so schlimm, besondere fans der kampagne können sich das plakat in A2 gratis bei hirter bestellen. oder auch das kampagnen-video dazu ansehen. erinnert vom stil her ein bisschen an das absurde bundesheer-rekrutierungsvideo, oder?

auf der homepage von hirter vernimmt mensch obendrauf eine gemeine drohung:

Mit der modernen, neuen Kampagne beweisen wir aber auch Mut für das Einschlagen neuer Wege, die Bereitschaft für Diskussion und die Auseinandersetzung mit unseren Kunden und Gästen. Deswegen setzen wir auf Gleichberechtigung! Auch Damen trinken unser Bier – weshalb man sich jetzt schon auf die Fortsetzung der Hirter Fasstypen Kampagne freuen kann.

so weit, so business as usual. ich kann mich nicht mehr erinner, über wie viele sexistische dreckskampagnen ich mich in meinem leben schon aufgeregt hab. bipa hat letztens überhaupt mit einem video geworben, dass eine frau zeigt, die gefoltert wird (das video ist leider nicht mehr online).

zwei sachen sind dieses mal aber anders – erstens: es tut wer was dagegen. und die initiative findet auch reges interesse, das freut mich ungemein. wenn mensch von der fpö beschimpft wird, dann macht mensch es richtig.

zweitens: es ärgert mich doch noch irgendwie mehr als sonst. walter gröbchen twittert im bezug auf dieses absurde video:  „Geht politisch überkorrekter Anti-Sexismus Hand in Hand mit einem neuen Puritanismus?“, und: „Um mich nicht mißzuverstehen: die Hirter-Bierwerbung ist nur plump, verklemmt, schlecht. Aber auch unendlich harmlos“. mehrere fehler hier.

erstens: das hirter video ist überhaupt nicht verklemmt.
zweitens: die hirter kampagne (und das video als teil dieses großen ganzen)  ist wohl das paradebeispiel von sexistischer werbung
drittens: leute, die von „politisch überkorrektem anti-seximus“ sprechen, sollten lieber gar nicht von anti-sexismus sprechen. das geht gewaltig schief. und sie stellen sich damit gewaltig ins abseits (vielleicht gehören sie da auch hin).
viertens: nein, anti-sexismus heißt nicht, dass ma sex blöde findet. morgen lernen wir im feminismus-unterricht, wie b-e-a-u-v-o-i-r buchstabiert wird.
fünftens: das für mich auffälligste zeichen dafür, wie sexistisch diese kampagne ist, hat trotzdem noch keineR benannt: der rothaarigen frau fehlt die brustwarze. hier geht es nämlich nicht um sowas wie positive körperlichkeit oder eine aktive weibliche sexualität, sondern um große titten, „perfekte rundungen“, männlichen blick und hypersexualisierte objekte. in dem sinn: sexistische werbung geht hand in hand mit puritanismus.

2 Kommentare

Eingeordnet unter genderize, irgendwas mit medien, serious, seriously?