Archiv der Kategorie: serious

serious things.

Rookie

Die kleine Nora kam am 5.11.2015 zu Mittag nach 12 Stunden Plagerei zur Welt. Das beste an der Geburt war die Periduralanästhesie. Das Schlimmste war das Ende. Die Ärztin zog von unten, die Hebamme drückte von oben – irgendwie kam das Baby doch raus. Danach fühlte ich mich um meinen Erfolg gebracht: Da überlebt man so eine Geburt, aber die Schmerzen sind immer noch nicht vorbei. Nachwehen: schmerzhaft. Stillen: schmerzhaft. Aufstehen: schmerzhaft. Hinsetzen: schmerzhaft. Umdrehen: schmerzhaft. Und so weiter.

30 Ferrero Küsschen und einige Tage später fuhren wir mit dem Baby heim (Weg zum Auto: schmerzhaft), und seither dominiert die SORGE. Windelpilz. Hüftreifeverzögerung. Schnupfen. Mehr braucht es nicht: Ich werde zum weinerlichen Häufchen Muttersorge, Daniel muss mich entgegen seiner leicht hypochondrischen Neigung überzeugen, dass alles nicht so schlimm, und auch nicht meine Schuld ist. Ich lese währenddessen 6 Babybücher und das halbe Internet zum Thema aus, letzteres empfiehlt, mir mehr Sorgen zu machen, und natürlich ist alles meine Schuld. Ich versuche, Daniel zu glauben. Es gelingt nicht immer. Wie eine besorgte Besessene kümmere ich mich um das Kind, in meinem Kopf Platz für andere Dinge zu machen kostet echte Anstrengung. Die Attentate in Paris haben mich nicht die Bohne interessiert. Die Vorweihnachtszeit war eine Randnotiz. In der Arbeit war ich für 20 Minuten auf Besuch.

Mit Ende des Mutterschutzes haben sich die Schmerzen gelegt. Gestern lichtete sich der Nebel im Hirn kurz. Ich habe mich freiwillig länger über etwas anderes als das Baby unterhalten, mich daran erinnert, dass mich Politik und Wirtschaft interessieren. Und mich dann heute gefragt, wie eigentlich eine gesunde Identität als Elternteil aussieht. Also eine, die nicht nur aus Sorgen besteht. Bisher war ich Partnerin, Tochter, Schwester, Freundin, Mitarbeiterin, Sektionsvorsitzende. Mama ist neu dabei. Gemessen an der Energie, die ich in die anderen Facetten meiner Identität schon gesteckt habe, relativiert sich die Baby-Besessenheit. Ich bin eben eine Rookie-Mom, eine blutige Anfängerin. Nora wird mir die Anfängerinnenfehler schon verzeihen.

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Fertig aufgeregt.

Mein politisches Blogging- und Posting-Verhalten folgt oft dem gleichen Schema: Ich lese was im Internet, empöre mich darüber und erkläre hier, oder auf Facebook oder auf Twitter, was grad meiner Meinung nach die aktuelle Katastrophe ist. Davon hab ich jetzt glaub ich genug. Das frustet mich einfach. Auf Twitter habe ich eine „three strikes and you’re out“-Policy eingeführt – wer mich dreimal aufregt wird entfolgt, so haben ein paar österreichische Alphatwittermänner dran glauben müssen, und ich habs nicht bereut. Dafür folge ich Leuten, die ich interessant und witzig finde, an spannenden Orten wohnen, oder die Artikel posten, auf die ich sonst nie kommen würde. Ich hab mich gefragt, ob das der Rückzug ins Private ist, der mir dann mit Ende Zwanzig komplett bevorsteht. Dann habe ich mich ein bisschen mit dem Konzept „Politik und Macht sind nicht dasselbe“ auseinandergesetzt und finde sehr viel sinnvolles daran. Antje Schrupp erklärt das hier vertretene Konzept von Politik so:

„Der Vorschlag wäre also, [Politik] so zu definieren, dass Politik überall da vorhanden ist, wo sich Menschen darüber austauschen, welche Regeln in der Welt gelten sollen. Und zwar dann, wenn sie das nicht nur aus einer egoistischen Perspektive tun oder um ihre eigenen persönlichen Interessen zu vertreten, sondern um die gemeinsame Welt im Sinne aller zu gestalten. Diese Art von Politik findet natürlich nicht nur in Parteien statt, nicht nur in Parlamenten, sondern überall. Sie findet auch auf der Straße statt, in Nachbarschaften, am Küchentisch, eben überall da, wo Menschen zusammenkommen und trotz ihrer Unterschiedlichkeit Regeln finden müssen, wie sie es jetzt handhaben wollen oder woran sie sich orientieren möchten.“

Ich mag diesen Vorschlag. Und das erklärt auch meine Abneigung gegen die üblichen Internet-Diskussionen über Politik. Sie konzentrieren sich in ihrer Aufregungsökonomie ausschließlich auf einen kleinen Teil von Politik: Welche Partei hat ihre Interessen wo durchgebracht, welche ist wo gescheitert, wer ist am Scheitern schuld? Politik ist dort gleich Machtpolitik (Schrupp: „die institutionelle Ämterpolitik eben“), und das ist oft relativ öd. Nicht, dass ich was gegen institutionelle Ämterpolitik hätte – ich finde die sogar ganz gut, sonst wäre ich ja in der Sozialdemokratie schlecht aufgehoben. Aber das ist eben nicht alles. Es gibt so viele verschiedene Orte und Mittel, wo und wie Politik gemacht wird. In meiner Beziehung, meiner Familie, meinen Freundschaften, meiner Uni, meinem Job, meinen Ecken des Internet, meiner Küche, meiner SPÖ-Sektion.  Der Erfolg politischer Versuche kann sich, finde ich, nicht ausschließlich an einem Gesetzestext messen, sondern an veränderten Einstellungen, Einsichten und Kooperationen. Das ewige „der hat das gesagt – der hat das gesagt – die haben das gemacht – die haben das nicht durchgebracht“ – Geschrei darf man nicht mit Politik verwechseln. Und ich möchte in Zukunft noch viel weniger dazu beitragen, dass diese Verwechslung  die Vorstellung von Politik einengt. Fertig aufgeregt. 

Nachtrag: Den Artikel hab ich erst heute gepostet, geschrieben hab ich ihn aber schon vor Monaten (Ende August). Heut hab ich ihn nochmal durchgelesen und noch immer für postenswert befunden.

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Transparenz als soziale Frage

Fast hätt ich den Artikel auch in die ewigen Jagdgründe der unveröffentlichten/unvollständigen Blogartikel geschickt, aber weil offenbar alle im Internet eine Meinung zu folgenden Themen haben, hab ich meine auch aufgeschrieben:

1) Partei-Mitgliedschaft: Jede_r, wie er/sie mag! In einer Partei Mitglied zu sein ist letztlich eine höchstpersönliche Angelegenheit.

2) Transparenz: Das ist genau jene Anforderung, der sich Parteien im „Internet-Zeitalter“ nicht  entziehen können. Eine halbwegs kluge Position zum Urheberrecht kommt da sicher erst an zweiter Stelle – das System Politik zu einem Gläsernen zu machen, an erster. Der Anspruch, dass man sich bezüglich der eigenen Budgets und Netzwerke nicht in die Karten schauen lassen will, wird sich gerade wegen des Internets nicht aufrecht erhalten lassen. Gibt man sein Zeug nicht freiwillig raus, liefert irgendwer Akten an den Falter oder hackt irgendwelche Datenbanken. Und diese Geheimniskrämerei macht ja auch keinen Sinn – damit gewinnt man keine Wahl. Zumindest konnte mir das noch nie wer erklären oder belegen.

3) Punkt 2 ist eine Position, die in der SPÖ nicht mehrheitsfähig ist, im Rest der Bevölkerung aber schon. Darum wird das der SPÖ viele WählerInnenstimmen kosten.

4) Transparenz ist tatsächlich auch für die „Unterschichten“ ein relevanter Punkt. Niki schreibt am Sektionsblog, diese U-Ausschuss-Geschichte befüttere die postdemokratische Spirale von Skandalisierung, Emörpung und Inhaltsentleerung (oder so), und sei im Vergleich zur Euro-Krise, Fiskalpakt etc. in den Auswirkungen für die Lebensrealität der Bevölkerung recht wurscht. Das mag zwar aus einer materialistischen Perspektive heraus stimmen, aber das Spektakel betrifft sie doch, denn: Sozial Schwache gehen seltener wählen als Gebildete, beteiligen sich in geringerem Ausmaß an zivilgesellschaftlichen Initiativen und finden, die PolitkerInnen „da oben“ interessieren sich einen Scheiß für sie sondern richten sich alles so, wie es ihnen am besten passt. Auch deshalb konnte Jörg Haider mit seinem Feldzug gegen Politikerprivilegien Wahlkämpfe gewinnen. Nicht, weil das den tatsächlichen Verhätnissen in der Politik entsprochen hätte. Sondern weil sich eine absteigende Mittelschicht verarscht vorkommt. Die wählte (auch) als Protest blau, zukünftig vielleicht Stronach, und vielfach einfach gar nicht mehr. Es bringt ja eh alles nix, so ihr Eindruck. Vor mir liegt grad das Buch „Entbehrliche der Bürgergesellschaft“ und darin findet sich zum Beispiel so ein Zitat eines sozial Benachteiligten: „Ich halte von den ganzen Parteien nichts. Weil, ich festgestellt habe, vor der Wahl sprechen sie einem das Blaue vom Himmel runter, und wenn sie dann gewählt sind, dann wollen sie davon nichts mehr wissen. Also kannst du alle in einen Sack packen und draufhauen, dann triffst du immer richtig. Taugen alle nichts.“

Das faktische Abdrehen des Korruptions-UAusschusses wird die Schicht also nicht überraschen, sondern in ihren jahrelangen Politik-Verweigerungsstrategien bestärken. Das ist verständlich, führt aber zu einer weiteren Marginalisierung sozial Schwacher in der Politik: Sie gehen nicht wählen, sind damit keine Zielgruppe, mit der man Wahlen gewinnen könnte, und verlieren damit noch mehr an Relevanz. Die Nonchalance, mit der fast alle österreichischen Parteien mit Demokratiedefiziten wie Korruption umgehen, verstärkt den sozialen Graben, den 3 Jahrzehnte Neoliberalismus in unserer Demokratie hinterlassen haben, weiter.

Vielleicht kann man der SPÖ die Transparenz schmackhafter machen, wenn man sie als soziale Frage definiert: Lauter politikverdrossene Arme schaden der Sozialdemokratie. Und es ist die Aufgabe der SPÖ, sich nicht nur sachpolitisch für die einzusetzen, denen es nicht gut geht, sondern ihnen auch Wege zur politischen Beteiligung und Organisation zu zeigen. Den Eintritt in die SPÖ zum Beispiel. Und das wird nur dann möglich sein, wenn jeder Verdacht der Korruption und Klüngelei glaubhaft ausgeräumt wird. Dafür müssen halt auch die „da oben“ in Untersuchungsausschüsse geladen werden.

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Make Untersuchungsausschuss Like No One Is Watching!

Wieder mal droht im österreichischen Parlament ein Untersuchungsausschuss zu scheitern. Die Bearbeitung der Inseraten-Affäre rund um Werner Faymann wird mit einem Ende des Ausschusses nicht mehr im Parlament diskutiert werden. Um den Ausschuss abzudrehen, wird momentan ein skurriles Argumentarium erarbeitet. Ich denke, es geht in etwa so: SPÖ, ÖVP, BZÖ und FPÖ wollten dem U-Ausschuss ein bisschen Material vorenthalten, seine Arbeit erschweren und den Grünen so die politische Profilierung schwerer machen. Darum wurde ein Antrag eingebracht, der die Aktenlieferung an den Ausschuss einschränken sollte. Die Grüne Ausschussvorsitzende wollte das verhindern, mangels einer Mehrheit im Ausschuss auf ihrer Seite ließ sie den Antrag nicht zu. Das ist politisch nicht die feine Klinge, denn so ist es halt mit den Mehrheiten im Parlament – die bestimmen, wo es lang geht, und das muss man als Effekt der Demokratie auch akzeptieren. Zwar wollte Moser den Antrag später doch zulassen, doch das Kleeblatt der „Untersuchungsausschuss-Nein, Danke!“ Parteien hat den Steilpass, den sie lieferte, dankend angenommen, einen tiefen Vertrauensverlust hergeredet und stellen nun den Kopf Mosers zur Bedingung, den Ausschuss überhaupt weiterzuführen. Geht sie, werden sie sich wahrscheinlich noch ein paarmal in Sitzungen setzen, das Ganze dann aber lieber doch schnell zum Abschluss bringen wollen. Bleibt sie, werden sie ihn per Fristsetzungsantrag beenden.

Dass ÖVP und FPÖ von der Existenz dieses Untersuchungsausschusses nicht extrem begeistert sind, liegt auf der Hand – schließlich hatten sie ihre Finger in so ziemlich jedem Korruptionsskandal des letzten Jahrzehnts mit drinnen. Stefan Petzner verfolgt in dem Ausschuss wenig andere Ziele als Selbstmarketing, politisch-strategisches Vorgehen kann man dem BZÖ ja ohnedies selten unterstellen. Die Rolle der SPÖ ist da ambivalenter. Sie wollten den U-Ausschuss, um endlich öffentlich mit dem Schwarz-Blauen Mist abrechnen zu können. Dass nun auch die Verquickung der roten Reichshälfte mit dem Boulevard zum Thema werden soll, schmeckt ihnen gar nicht.

Erstens finden sie das einfach inhaltlich nicht so schlimm, und zweitens sehen sie nicht ein, warum Werner Faymann (bzw. sein Gesicht auf von Asfinag und ÖBB bezahlten Inseraten) neue, fruchtbare Weidegründe für Peter Pilz‘ Profilierungsneurose bieten soll. Und wahrlich, der Mann ist kein Novize, wenn es um Selbstdarstellung geht. Geht der U-Ausschuss weiter, können die Grünen (Pilz mehr als Moser –  während er der Aufklärer-Beißhund ist, soll sie eigentlich die Rolle der integeren Vorsitzende der Saubermann-Partei einnehmen) bei ihren bürgerlichen WählerInnenschichten Meter machen.

Ich bin nicht naiv. Den Grünen geht es beim Untersuchungsausschuss nicht nur um die Wiederherstellung politischer Redlichkeit in der österreichischen Politik, sonder auch darum, sich profilieren zu können. Dass eine Oppositionspartei im Parlament so ein Mittel wählt, ist aber nachvollziehbar. Und der SPÖ ging es im U-Ausschuss ja auch um politisches Kapital: Sie wollen Schwarz-Blau anzupatzen. Jetzt stehen sie plötzlich selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit und ihnen wird ein bisschen unwohl beim Gedanken, die Grünen könnten ihre Oppositionspolitik nun am Beispiel des Kanzlers durchexerzieren. Aber dafür haben sie den Ausschuss doch nicht eingerichtet! Denn einen Untersuchungsausschuss einzurichten ist im österreichischen Parlament immer noch Privileg der Mehrheit, nicht der Minderheit. Die Gnade der Großparteien hat den Grünen ein Wahlkampfzuckerl geschenkt. Die ÖVP musste dank Ernst „alle Parlamentarier sind so faul wie ich“ Strasser aus Image-Gründen mittun, und die SPÖ dachte, es geht eh nicht gegen sie. Und jetzt ist  Schluss mit den Nettigkeiten, denn sowas (uns von einer Kleinpartei öffentlich vorführen zu lassen) haben wir (wir = die alte, ehrliche Staatspartei, die immer für die Menschen da ist, wenn die Grünen ihre abgehobene bürgerliche Politik machen) nicht nötig.

Strategie und Wahltaktik sind immer die Beweggründe von Parlamentsparteien. Beim Korruptions-Untersuchungsausschuss werden diese Motive aber zu einem massiven Problem. Von allen Beteiligten, und für alle Beteiligte. Als politisch aktiver Mensch und als Sozialdemokratin finde ich, wir haben den U-Ausschuss und die Diskussionen, die dort geführt werden, bitter nötig. Auch, weil es um uns geht. Irgendwann müssen wir mal in aller Öffentlichkeit diskutieren, was öffentliches Geld ist, was Parteigeld ist, und dass man sich mit ersterem nicht eine Inseratenkampagne für die Partei (oder die eigene Person) bezahlt! Und so wie Florian Klenk letztens im Falter geschrieben hat: Die österreichischen MedienmacherInnen sind auch keine Lämmchen. Bei jeder Inserateflut aus öffentlicher Hand steht auf der anderen Seite einer oder eine, der/die das Geld gerne annimmt. Die Verantwortlichen dort gehören genauso in einen Untersuchungsausschuss wie Werner Faymann. Denn strafrechtlich wirds wohl nix zu beanstanden geben. Trotzdem ists eine Frechheit. Und dass sich die Grünen dabei profilieren, ist mir ehrlich wurscht.

Ich hab die Taktiererei satt. Ich möchte, dass politische Korruption im Parlament und öffentlich thematisiert wird. Ich möchte, dass aus den diversen Affären Lerneffekte enstehen, die über das Transparenzgesetz hinaus gehen. Denn nicht alles, was nicht verboten ist, ist moralisch vertretbar. Und um das sinnvoll diskutieren zu können, dürfen nicht die erwarteten Wahlkampf-Benefits den U-Ausschuss dominieren. Tut doch einfach so, als ginge es euch um die Sache! Folgt euren politischen Grundsätzen und moralischen Ansprüchen, nicht der Wahltaktik! Like no one is watching, als ob niemand zuschauen würde, so solltet ihr im Ausschuss vorgehen. Und seid vielleicht nicht so entsetzlich eitel dabei.

Die SPÖ ist keine Partei, der Korruption egal ist, ihre FunktionärInnen haben sich nicht systematisch an öffentlichem Geld oder durch Zugang zu Macht selbst bereichert, wie es viele aus der FPÖ und manche aus der ÖVP gemacht haben. Trotzdem glauben viele SozialdemokratInnen, Wahlen würden durch freundliche Boulevardzeitungsberichterstattung gewonnen. Und eine starke SPÖ ist im Interesse der Werktätigen und Schutzbedürftigen, darum ist jedes Mittel recht, das Ziel „Wahlsieg“ erreichen – auch öffentliches Geld. Hier liegt das Grundproblem, das in der Partei ausdiskutiert gehört. Dass PolitikerInnen nicht käuflich sein dürfen, darüber besteht in der SPÖ aber schon ein grundsätzlicher Konsens. Und aus dem heraus sollte es auch den sozialdemokratischen Abgeordneten ein Anliegen sein, Licht ins Korruptionsdunkel zu bringen, die Dimensionen der verschiedenen Korruptionsskandale im Untersuchungsausschuss politisch zu kontextualisiern und sich dann im Parlament und als Partei zu überlegen, was man tun kann, um die Ansprüche an Transparenz und Ehrlichkeit in der eigenen Arbeit zu verankern. Wenn Peter Pilz polemisch vom Parteisoldaten Pendl spricht, soll er nicht vergessen, dass die SPÖ immer noch eine Freiwilligenarmee ist. Da entscheiden die Abgeordneten bei jeder Abstimmung neu, wie weit sie ihrem Kommandanten folgen. Ich hoffe, die Abgeordneten selbst wissen das auch.

Edit, 23. 9.: Weil das in der Rezeption des Eintrags mehrmals für Verwirrungen gesorgt hat, hier noch mal zur Verdeutlichung meiner Position: Selbst wenn es der Opposition (den Grünen) um politische Profilierung geht, ist das kein Argument, Werner Faymann nicht den Ausschuss zumuten zu wollen. Und dieser Profilierungs-Vorwurf ist aktuell das einzige Argument, das die SPÖ zur Rechtfertigung ihrer Aktionen verwendet, siehe zB hier: http://orf.at/stories/2142331/2142330/
Ich mag die Grünen. Und das, was nach Grünen-Bashing im Artikel riecht, soll vor allem die Argumente jener in der SPÖ nachzeichnen, die sich gerade an ihnen abputzen wollen.

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Parkpickerl

Petra Stuiber schrieb im Standard über das Parkpickerl in Wien:

„Was immer die rote Führungsriege im Rathaus mit dem grünen Koalitionspartner aushandelt – die „Basis“ agitiert dagegen.“

Das ist eine plumpe Verallgemeinerung. Beim kleinen Glücksspiel hat sich ja das genaue Gegenteil gezeigt – die SPÖ Wien Basis kann ganz gut mit den Grünen. Das Problem mit dem Parkpickerl ist meiner Meinung nach anders zustande gekommen. Da hat sich die rote Regierungsriege gedacht „Grünes Projekt – nicht unser Problem!“, dabei aber übersehen, dass jede rote Bezirksorganisation, in deren Einflussgebiet das Parkpickerl neu eingeführt wird, sehr wohl ihr Problem ist. Und da kann man dann auch nicht hinter vorgehaltener Hand gegen die Grünen schimpfen und sagen, dass sie das unprofessionell vorbereitet hätten – um die eigenen Leute muss man sich schon selber kümmern.

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Ein Trollgefängnis

Diese Podcasts machen mich urgscheid. Letztens gehört: Carmel Vasiman about Hate Speech and Trolling. Während Carmen Vasimal großartig und toll ist, kann ich das leider von den Interviewern nicht behaupten. Eine von Vasimals Thesen zu Hate Speech im Internet ist folgende: Besonders in sozialen Netzwerken sollten wir das Internet nicht als Medium, sondern als Raum verstehen. Hate Speech bedeutet in dem Sinn also nicht, dass irgendwer anonym einen Kommentar zu einem Thema abgibt und durch das Recht auf freie Meinungsäußerung geschützt ist, einen Menschen zu beleidigen, sondern dass er in einen persönlichen Raum eingreift. Das müsste sowohl konzeptuell als auch legislativ umgesetzt werden. Ein Vergewaltigungskommentar auf einem feministischen Blog ist also keine „freie Meinungsäußerung“, sondern Gewalt. Hier hat sich dann ein Interviewer disqualifiziert, als er meinte, das Internet dürfe doch auf keinen Fall reguliert werden wegen Freiheit und so. Der hat wohl auch noch nie Kommentare wie diesen hier gelesen – wer sowas schreibt, muss zur Verantwortung gezogen werden, finde ich.

Einige deutsche Netzfeministinnen haben hier vor einiger Zeit einfach mal zur Selbsthilfe gegriffen und hatr.org gegründet. Auf der Website werden Tollkommentare anonymisiert gepostet, mensch kann sie dann „facepalmen“, für Hitler- und Nazivergleiche gibts denn Godwinbonus. Die Werbeeinahmen aus den Inseraten werden dann an feministische Projekte gespendet. „Scheiße zu Geld“ ist also wirklich der perfekte Slogan.

hatr.org: scheiße zu geld

Ich bin von hatr.org wirklich fasziniert. Das Projekt zeigt a) dass Hatespeech gegen Frauen im Internet einfach kein isoliertes Einzelphänomen ist, sondern dass so der Kommentaralltag eines Blogs mit feministischen Themen aussieht, bleibt aber b) nicht in der Opferhaltung hängen, sondern macht was draus. Um die Internet-als-Raum These zu benützen: Hier wurde ein Trollgefängnis gebaut. Trollkommentare werden von den Orten, wo sie geschrieben wurden, ins Trollgefängnis transportiert, dort werden sie ausgestellt, gefacepalmed und als das gezeigt, was sie eigentlich sind: Antifeministische Kacke und nicht das Problem einzelner Bloggerinnen. Find ich Spitze.

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Autos sind doof!

Untertitel: Warum der Individualverkehr auch für Individuen beschissen ist.

Autos seien der Inbegriff der persönlichen Freiheit, so hört frau. Zumindest ist das oft die Erklärung dafür, warum Menschen lieber Auto fahren als Öffis zu benützen. Wir seien halt nun mal faule Biester, die ihren Arsch so wenig wie möglich bewegen wollen.

Ich lebe seit einigen Monaten in einer amerikanischen Stadt, die sich für ihr öffentliches Verkehrsnetz rühmt. Dieses berühmte öffentliche Verkehrsnetz besteht aus zwei Straßenbahnlinien (früher warens mehr, vermutlich hat die Autolobby wieder mal Straßenbahngleise aus dem Boden gerissen, um den öffentlichen Verkehr zu vernichten.) die im wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert stammen und gegen die der D-Wagen ein Schnellzug ist. Der Ruhm gründet sich also auf dem reinen Faktum der Existenz zweier Straßenbahnlinien. Busse gibt es auch – gar nicht so wenige, eigentlich, aber das Netz ist viel zu locker, zu niedrig frequentiert und zu wenig vernetzt, um sinnvollen öffentlichen Verkehr gewährleisten zu können.

meine Freiheit, mein Problem

Das Auto also. Dieses Gerät, das einem/einer die Welt zu Füßen legt. Wisst ihr, ich hasse es. Nicht, dass mein Auto jetzt speziell was dafür könnte, aber ich hasse es einfach, in meinen täglichen Wegen auf ein Auto angewiesen zu sein. Wenn es nicht anspringt, habe ich ein Problem. Ich muss mich darum kümmern, ich komme nicht in den Supermarkt oder an irgendeinen Ort außerhalb meiner Fahrrad-Reichweite (dank urban sprawl liegt innerhalb derselben nicht besonders viel.), ich muss den Schaden bezahlen.

Wenn die UBahn ein Problem hat, dann müssen es die Wiener Linien lösen. Ich kann mich im Halbschlaf in die U4 setzen und bis zur Uni noch gut 20 Minuten dösen, Zeitung lesen oder einfach Leute beobachten. Fällt eine Garnitur aus, kommt in fünf Minuten die nächste. Hat mein Zug ein Problem, steig ich bei der nächsten Station aus, wart auf den Ersatzverkehr oder nehme einfach die Straßenbahn oder einen Bus. Kosten tut mich das nichts, außer den Bagatellbetrag Semesterticket (wer mal die Bremsen eines Autos reparieren lassen musste, lernt zu schätzen, wie billig die Öffis in Wien wirklich sind.) Wenn ich mich betrinken gehen will, kann ich mit Öffis zum Lokal fahren und komm meistens auch öffentlich ganz gut wieder heim – die Frage, nach wie vielen Bieren noch verantwortungsvoll ein Auto gesteuert werden kann, stellt sich für öffinutzende WienerInnen damit glücklicherweise einfach nicht.

amerikanische Einsamkeit

Mit der individuellen Freiheit ist es also auch beim Verkehr ein Hund: Negative Seiten gibts zuhauf, und sie fallen meistens nur denen auf, die nicht so viel Geld haben – in dem Fall also kein oder ein altes, klappriges Auto besitzen. Klar stinkts im eigenen Auto meistens nicht nach Kebab und Sommerhitzenachselschweiß (und wenn, dann nur nach dem eigenen), das ist fein, zugegeben. Aber ich finde die Tatsache, dass sich in Wien ein öffentliches Unternehmen meiner Mobilitätsbedürfnisse annimmt schlichtweg genial. Genauso wie ich es genial finde, dass meine Krankenversicherung für die Reparatur eines gebrochenen Beines bezahlt und ich nicht selbst schaun muss, wo ich bleib.

Ich glaub, das ist der Inbegriff der amerikanischen Einsamkeit: selbst schauen müssen, wo mensch bleibt. Fürchterlich.

Autofrei leben ist in New Orleans aber trotzdem mehr als unlustig. Wenn der Weg von A nach B öffentlich um mehr als ein Drittel länger dauert als mit dem Auto, ist für mich einfach die Schmerzgrenze erreicht. Mich freuts es nicht, mehr oder weniger jeden Tag ungemein zur Klimaerwärmung beizutragen, aber anders ist ein halbwegs normales Leben nicht möglich. Mein Fazit aus dieser Erfahrung: Ich will nie wieder in einer Stadt leben, die keinen funktionierenden öffentlichen Personennahverkehr hat. Wiener Linien, I miss u a lot.

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