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Nahversorgung

Das Solarium ums Eck ist jetzt auch Postpartner. Ich musste ein paar Briefe aufgeben, während die nette Blondine die Kuverts abstempelte, schickte sie den Mann, der sich hinter mir anstellte, in Kabine 1 (12 Minuten). Arges Multitasking, ich war beeindruckt. Wenn sie jetzt noch an der Kassa Nagellack und Haarshampoo  verkaufen würden, hätten sie in mir eine restlos begeisterte Kundin.

Dann schaute ich zur Änderungsschneiderei, die seit neuestem auch eine Textilreinigung ist und sich etwa 100 Meter Luftlinie von meiner Haustüre entfernt befindet. Nachdem ich mich weigere, neue Hosen zu kaufen (das ist, wie alle Leute wissen, reine Folter), muss ich die alten reparieren lassen, und seit Monaten sollte ich ein Kleid zur Putzerei tragen. Heute hab ich beides in 2 Minuten erledigt. Ich bin hier im Nahversorgungs-Himmel, und das ist das eigentliche Wunder des Stadtlebens.

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Leben am Land

Ich komm vom Land. In der Großstadt war das bis vor einigen Jahren ein mittelgroßes Stigma – mein Dialekt war den Anker-Verkäuferinnen regelmäßig zu stark, als dass sie auf mein „An Koanspiz, bitte!“ mit dem Verkauf des entsprechenden Kleingebäcks reagierten. Als hätte ich sie auf Chinesisch angesprochen, starrten sie mich einige Sekunden mit leicht schiefgelegtem Kopf an, holten Luft und seufzten ein „wie bitte?“ über die Ladentheke. Dem „Wiener an sich“ ist die Landbevölkerung suspekt. Ungebildet, engstirnig und zu 100 Prozent von sich überzeugt, so in etwa sieht der entsprechende Charakter-Holzschnitt aus. Wolfgang Ambros hat den in seinem Song „Er is vom Land“ präzise ausformuliert:  „er is vom Land, und is so blöd, dass er scho’s dritte Mal den Haider wählt“. Nicht, dass die WienerInnen sich in dem Punkt mit Ruhm bekleckern würden, aber ein gesundes Maß an Misstrauen gegenüber der kleinkarierten Landbevölkerung ist schon in Ordnung – ein Körnchen Wahrheit steckt ja in jeder Überspitzung.

Seit einigen Jahren ändert sich aber die Vorstellung, die Wiens Bobos vom Landleben und seinen ProtagonistInnen haben: Plötzlich werden die Gscherten beneidet. Nicht die SpeckgürtlerInnen, aber die BergdorfbewohnerInnen. Almen, glückliche Nutztiere, harte, ehrliche Arbeit. So glauben die, dass wir am Land leben. Andrea Nahles, SPD-Generalsekretärin, die selbst in einem Winz-Dorf in der Eifel wohnt, kommentierte diese Vorstellung so:

Ich bin mir nicht sicher, ob das nur eine Projektion ist. Es ist das Ideal, dem ständigen Druck zu entkommen, oft auch dem selbst geschaffenen Druck. Das ist eine Fluchtfantasie. Wer es sich leisten kann, der realisiert sie, zumindest fürs Wochenende. Die anderen lesen Zeitschriften.

Ein bisschen besser als die Bobos gecheckt, wie es im dörflichen Österreich zugeht, hat David Schalko in „Braunschlag“ – unverputze Hausfassaden (das Geld reicht manchmal eben nicht ganz), Inneneinrichtung: Lutz von der Lampe bis zum Beistelltisch, Dorfdisco mit Plastikpalmen, absurde Kommunalpolitiker (Frauen gibts da nicht so richtig in der Politik), ein Austro-Afrikanischer Pfarrer, der (natürlich) der normalste im Schauerkabinett ist, das Schalko zeichnet. Übertrieben, aber nicht sehr. Das einzige, was er vergessen hat einzubauen, ist ein hübscher Kreisverkehr.

Vielleicht darf ich irgendwo mal einen Bildband zu Kreisverkehren editieren – meiner Meinung nach die deutlichste Ausdrucksform des Landgeistes, der dringend einer visualsoziologischen Studie bedarf. (Auf Nummer zwei in der Forschungsdringlichkeit steht übrigens die Aufarbeitung der Autobahnraststättenarchitektur in Österreich). Folgendes Exemplar steht in Unterstinkenbrunn:

Kreisverkehr in Unterstinkenbrunn

Andere habe ich schon gesichtet, da standen Menschen aus Stroh in der Mitte, die Gewehre in der Hand trugen. Auch einer mit Triceratops-Skelett ist mir schon untergekommen. Überall bauen wir Kreisverkehre hin! Nicht, weil Kreuzungen so unpraktisch sind, sondern weil wir sie so gerne schön dekorieren, behaupte ich. Mit der selben Geschmackssicherheit, mit der wir uns Arschgeweihe tätowieren, gestalten wir Kreisverkehre.  Also schöne Natur hin und her, Kühe, Berge, Seen – wir sind schon auch ziemlich komisch, wir LandbewohnerInnen. Brauchen die Modernität genauso wie GroßstädterInnen, bauen Strip-Malls, Autohäuser und Kino-Hallen in jedes unverbaute Feld, modernisieren sogar unsere Dorfdiscos! (2 Euro Eintritt! Plasikpalmen ade! Mein letzer Ausflug in unsere alte Zeller Disco hat mir gezeigt, dass sich auch dort manchmal Dinge verändern). Die Kiddies in Zell am See stehen natürlich auf internationale Surfer- und Boarder-Marken, mit einem Carhartt-Shirt ist man immer gut dabei. Mit einer original Salzburger Tracht nicht so, aber die Mädls können ruhig ein paar Selfies samt sexy Dirndl-Dekoltée auf Facebook stellen, das bringt schon ein paar Dutzend likes. Wer da nicht mitspielt, dem fällt hier als Jugendliche_r schnell mal die Decke auf den Kopf. Ich mag meine Heimatstadt, weil sie so schön ist und ich hier viele nette Leute kenn. Aber nicht wegen der ländlichen Harmonie, die die Seele in Einklang bringt – die gibts nämlich nicht.

Und drum find ich die Wiener Servus-Magazin-LeserInnen (und auch jene am Land, falls es die überhaupt geben sollte) ja so anstrengend. Die glauben nämlich, das ist echt. Die glauben, unser Leben wäre in Traditionen und Tugenden eingeschrieben, Werte von früher noch da und wir wären tief verwurzelt in unserem ländlichen Erbe. Komisch, dass sich im Pinzgau dann so viele Leute umbringen. Ist wohl doch nicht so ne gemähte Almwiese, dieses Landleben.

In den 30er Jahren war die Landidylle schon mal Projektionsfläche der Wiener Konservativen. Im „Kampf um die Stadt“ zwischen sozialdemokratischem und bürgerlichem Lager sollte mittels Trachtenvereinen in der Stadt der pure konservative Lebensstil auch im Sündenpfuhl des roten Wiens propagiert werden, so hab ich das mal in einer tollen Ausstellung im Wien Museum gelernt. Die Sehnsucht nach dem Land in der Stadt war Teil austrofaschistischer Kulturentwürfe, drum erschrecke ich auch jedes Mal, wenn ich WienerInnen in Tracht sehe. Heimlich bin ich überzeugt, der Jägerball ist eine Ansammlung von Kellernazis.

Ja aber was ist es dann, das Landleben? Wenn es das Servus Magazin nicht ist, und Braunschlag auch nicht wirklich? Wenn es nicht um Trachten, Pfarrer, Buttermodel oder Alpenpanorama geht? Wenn dort Menschen glücklich und klug sind, und das nicht nur wegen der schönen Landschaft, sondern weil sie sich dort sozial aufgehoben fühlen und zufrieden mit ihrem Leben sind? Wer das nicht kennt, kann sich das schwer vorstellen. So wie sich überhaupt manche (Groß)Stadt-ÖsterreicherInnen das nicht vorstellen können. Die daStandard-Leiterin Olivera Stajic twitterte letztens, sie schaue Braunschlag, weil sie in Österreich außer Wien kaum was kenne. Das ist aber keine valide Quelle. Es ist ja auch nicht alles in Wien so wie in Kaisermühlenblues. Aber was soll man lesen, wenn man sich für das kleinstädtische und dörfliche Österreich interessiert? Bezirkszeitungen? Da erfährt man, welche Musikgruppe am letzten Zeltfest gespielt hat, oder dass der Bürgermeister einen Charity-Adventmarkt eröffnet. Event-Berichterstattung, mehr ist da meistens nicht dabei. Womit die Leute in den ländlichen Regionen eigentlich ihr Geld verdienen, welche systematischen Probleme das Leben fernab der Großstädte mit sich bringt, wie die Bevölkerung damit umgeht, wie die Wirtschaftskrise dort zuschlägt, für wen die finanziell ausgehungerten Gemeinden ein Problem sind, welche politische Kultur dort warum gelebt wird (die Liste dieser Fragen könnte fast unendlich weiter geführt werden), weiß man nicht so genau. Und man kann das auch nirgends nachlesen (zumindest kenn ich nix). Und das fehlt: Medien, die ein zeitgenössisches Bild vom Leben am Land zeichnen.

Ich glaub aber, das wäre wichtig. Gerade dann, wenn uns die langsame Ausdünnung und das schleichende Sterben des ländlichen Raums als Lebensumfeld betrifft und interessiert. Das wäre wichtig, damit wir überhaupt in der Lage sind, damit als Gemeinschaft umzugehen.

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