Handyfotos

Meine Schwägerin hat mir vor einigen Wochen ein echt nettes New Mom-Comic gezeigt, in dem ein Bild mit dem Titel „baby’s portrait of a mom“ herausgestochen ist. Es zeigte ein Frauengsesicht, fast völlig verdeckt von einem iPhone. Ikonografisch erinnert es an Magritte, inhaltlich an mein Leben.

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Ich meine, ist das noch normal?

Unbenannt

Ich kann kein einziges löschen. Kaum macht das Kind etwas interessantes (also etwas anders als nur schnaufen) zücke ich die Handykamera und halte drauf. Meist ohne Erfolg- jede Aktivität wird eingestellt, das Kind starrt regungslos die rote Handyhülle an. Es muss ein faszinierender Anblick sein für ein drei Monate altes Geschöpf. Ich schicke währenddessen Dankesgebete an die Handygötter, Mutterschaft in Zeiten des Smartphones erleben zu dürfen. Es ist mein Tor zur Außenwelt, mein Gefährte in der Nacht, mein tragbares Zusatzhirn. Dass viele Kinder lieber mit Smartphones als mit pädagogisch wertvollem Holzsspielzeug spielen, spricht finde ich für sie.

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rostig

Ich bin einem Missverständnis aufgesessen. Mit dem Ende der Schwangerschaft ist die körperlich beschwerlichste Zeit vorbei, habe ich gedacht. Wenn das Kind einmal draußen ist, kann ich mich wieder frei bewegen.

Nun, ich suche seit einigen Tagen meinen Kindle – der wäre in der Nacht zum lesen neben dem Baby praktisch. Ich habe also in der Elektro-Kiste nachgeschaut (eigentlich wusste ich eh, dass er da nicht drinnen ist – sie ist gut sortiert). Als Daniel mich so am Boden herumkramen sah hat er mich lachend angeschubst, ich bin wie ein Käfer auf den Rücken gerollt und wie eine Schildkröte die man auf ihren Panzer gelegt hat liegen geblieben. Das ist mein Fitness-Zustand momentan.

Ein paar Tage vor der Geburt bin ich 2 1/2 Stunden lang spazieren gegangen. Jetzt machen mich die 100 Stufen auf das Dach der Hauptbücherei fertig. Als ich von dem kleinen Spaziergang dorthin zurückkam und von meinem anstrengenden Aufstieg berichtete kommentierte Daniel das mit „ich riech’s“. 2 Minuten Stiegen steigen = schwerer Schweißausbruch.

Bei der Rückbildungsgymnastik kämpfe ich damit, die Übungen eine Minute lang durchzuhalten. Also die einfachen Übungen – im Vierfüßlerstand Bauch einziehen, diese Kategorie. Bei den Damenliegestütz habe ich mir ganz fest gewünscht dass Nora aufwacht und ich leider leider eine kurze Turnpause machen muss. Nicht in Erfüllung gegangen. Nach der ersten Stunde war ich so fertig dass ich eine Stunde schlafen musste, nicht aber ohne vorher zwei Bananen, ein Anker-Weckerl und einen Apfel  7 Ferrero Küsschen gegessen zu haben.

Aus dem Tal der Tränen, das in der medizinischen Fachsprache Wochenbett heißt, bin ich nicht gestählt, sondern verrostet hervorgegangen. Während Nora jede Woche kräftiger wird, hole ich mir beim Socken anziehen Hexenschuss. Beim Circle of Life bin ich jetzt auf der Seite wo die Sonne untergeht. So schnell geht das mit dem Erwachsenwerden, wenn man ein Kind hat.

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Rookie

Die kleine Nora kam am 5.11.2015 zu Mittag nach 12 Stunden Plagerei zur Welt. Das beste an der Geburt war die Periduralanästhesie. Das Schlimmste war das Ende. Die Ärztin zog von unten, die Hebamme drückte von oben – irgendwie kam das Baby doch raus. Danach fühlte ich mich um meinen Erfolg gebracht: Da überlebt man so eine Geburt, aber die Schmerzen sind immer noch nicht vorbei. Nachwehen: schmerzhaft. Stillen: schmerzhaft. Aufstehen: schmerzhaft. Hinsetzen: schmerzhaft. Umdrehen: schmerzhaft. Und so weiter.

30 Ferrero Küsschen und einige Tage später fuhren wir mit dem Baby heim (Weg zum Auto: schmerzhaft), und seither dominiert die SORGE. Windelpilz. Hüftreifeverzögerung. Schnupfen. Mehr braucht es nicht: Ich werde zum weinerlichen Häufchen Muttersorge, Daniel muss mich entgegen seiner leicht hypochondrischen Neigung überzeugen, dass alles nicht so schlimm, und auch nicht meine Schuld ist. Ich lese währenddessen 6 Babybücher und das halbe Internet zum Thema aus, letzteres empfiehlt, mir mehr Sorgen zu machen, und natürlich ist alles meine Schuld. Ich versuche, Daniel zu glauben. Es gelingt nicht immer. Wie eine besorgte Besessene kümmere ich mich um das Kind, in meinem Kopf Platz für andere Dinge zu machen kostet echte Anstrengung. Die Attentate in Paris haben mich nicht die Bohne interessiert. Die Vorweihnachtszeit war eine Randnotiz. In der Arbeit war ich für 20 Minuten auf Besuch.

Mit Ende des Mutterschutzes haben sich die Schmerzen gelegt. Gestern lichtete sich der Nebel im Hirn kurz. Ich habe mich freiwillig länger über etwas anderes als das Baby unterhalten, mich daran erinnert, dass mich Politik und Wirtschaft interessieren. Und mich dann heute gefragt, wie eigentlich eine gesunde Identität als Elternteil aussieht. Also eine, die nicht nur aus Sorgen besteht. Bisher war ich Partnerin, Tochter, Schwester, Freundin, Mitarbeiterin, Sektionsvorsitzende. Mama ist neu dabei. Gemessen an der Energie, die ich in die anderen Facetten meiner Identität schon gesteckt habe, relativiert sich die Baby-Besessenheit. Ich bin eben eine Rookie-Mom, eine blutige Anfängerin. Nora wird mir die Anfängerinnenfehler schon verzeihen.

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Conceputal Crafting

Ich hätte so viele gute Ideen für Crafting-Projekte! Leider hasse ich Handarbeiten. Man muss so genau sein und es dauert immer alles 10.000 mal länger als man glaubt. Aber vielleicht möchte mir jemand folgende Pölster sticken?

 

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Sortieren.

(Aus)sortieren. Das ist meine Antwort auf die Frage „was machst du eigentlich momentan im Leben“. Ich bin wie besessen:

  • Ein Herr von dieser Organisation hat letztens zwei Stand-PCs und einen Laptop abgeholt
  • Ich trage fast täglich ein Sackerl mit Gewand das ich nicht mehr brauche zur Humana Box
  • lieferte vorgestern 4 Paar Schuhe beim Schuster ab um ordentliche Absätze machen zu lassen
  • taute das Gefrierfach ab
  • sortierte die darin enthaltenen Kräuter neu
  • mistete das Marmeladen- und Öl-Regal aus
  • ordnete meine Schreibwaren, warf 37 Kugelschreiber weg und spitzte 15 Bleistifte
  • putzte und sortierte das Kastl unter dem Waschbecken, wo wirklich, wirklich, nie wer reinschaut
  • reduzierte die Anzahl an Kisten mit der Aufschrift „diverse Elektronik“ von zwei auf eine
  • entsorgte Altmedikamente
  • trennte mich von Einmachgläsern die ich nicht mehr benötige
  • räumte hier am Blog den Ordner „Beitragsentwürfe“ auf (publizieren oder löschen)
  • und, um meine Obsession zu veranschaulichen: Sortierte alle Belege und Rechnungen zuerst aus, und räumte sie dann von einer dicken Registermappe in einen Ringordner um. Dafür habe ich sogar eigene Klarsichthüllen gekauft.

Daniel, der Arme, kommt meiner Besessenheit auch nicht aus. „Brauchst du die noch?“ – Ich halte ihm 8 Hosen vor die Nase. „Sollen wir die nicht woanders aufheben?“ – Ich wachle mit 10 Familienfotos. Ich identifiziere jede lange ignorierte Unordnung, zerre sie ans Tageslicht, leere sie am Fußboden aus, sortiere sie, werfe weg, putze, setze instand. I am unstoppable. Ich bin vielleicht ein bisschen durchgedreht. Ich bekomme ein Kind.

Der Mutterschutz ist die schönste Zeit, haben sie gesagt. Gerade beim ersten Kind! Überleg dir, welche Serien du schauen möchtest, du musst total viel schlafen, und ihr solltet auch viel zu  zweit unternehmen! Ich habe für solche Dinge keine Zeit, ich sortiere. Wenn ich fernsehe, sortiere ich die Aufnahmen am digitalen Videorecorder. Wenn ich ins Handy schaue, lösche ich überflüssige Fotos, entfolge Leuten auf Twitter, räume meine Facebook Timeline auf. Wenn ich mit dem Gesicht nach unten versteckt in meinem Bett liege, kreisen meine Gedanken um die Gewürzschublade. Sie ist das wahrscheinlichste nächste Opfer.

Glasklar, woher dieser Wahn kommt: Es macht glücklich, Dinge unter Kontrolle zu haben. Das einzige, was momentan länger ist als die Liste an Ausmist-Projekten ist meine Liste an Dingen, die ich nicht unter Kontrolle habe. Wie wird die Geburt. Wie wird mein Leben danach. Wie sieht dieses Kind aus. Wie wird dieses Kind sein. Wie geht die Wien Wahl aus. Wie geht das in Syrien aus. Wie geht die Wirtschaftskrise aus. Wie soll ich mich mit Kind und Schlafentzug für diese Dinge interessieren.

Im Gegensatz dazu ist es leicht zu entscheiden, ob ich das Chilipulver oder die alten Vanilleschoten aufbehalten soll (nein – sicher ausgeraucht, ja – für Milchreis). Wird das Kind Milchreis überhaupt mögen?

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Hilfe!

Zweifel an der Menschheit in der Fitnessstudio-Umkleide. Nach dem Duschen tapste ich bewaffnet mit Shampoo, Conditioner, Duschgel, einem sehr kleinen Handtuch, patschnassen Haaren und meinem Schwangerschaftsbauch Kaliber Woche 34 zurück zu meinem Spind. In meinem Spind: Hautcreme, Kleidung, Handy, Geld, Zivilisation. Der Versuch mein Nummernschloss aufzusperren scheiterte. 3-3-5. Nichts ging. 3-3-5. 3-3-5. Alles noch mal verstellt, 3-3-5. Nichts. Schweißausbruch. 3-3-5. Kein Erfolg.

Ich atmete tief durch und hoffte auf eine stressresistente Fruchtblase. 3-3-5. So tragisch war das alles nicht – etwas ähnliches war mir vor Jahren schon einmal passiert. 3-3-5. 3-3-5. Diese billig-Schlösser klemmen oder verstellen sich gerne, und das weiß auch das Studio. Jemand hatte damals für mich beim Empfang Bescheid gegeben, eine Mitarbeiterin kam bewaffnet mit einer gigantischen Zange zurück und knipste das Schloss auf. Kein Grund zur Panik, dachte ich mir. Volle Panik, dachte sich mein Sodbrennen. 3-3-5. Nichts. Ich sprach also die Frau neben mir an: „Entschuldigen Sie, können Sie mir einen Gefallen tun, und jemanden von unten holen? Mein Schloss klemmt.“ – „Das geht jetzt nicht. Mein Kurs fängt in 5 Minuten an, der ist im dritten Stock. Fragen Sie bitte jemand anderen.“ Stand auf und ging, ließ mich, meinen Bauch und mein nasses, zu kleines Handtuch tropfend zurück.

Ehrlich baff fragte ich eine frisch geföhnte Blondine aus der Spindreihe nebenan („Ich bin gleich fertig und sag dann unten Bescheid“ – Danke, ich tropfe derweil weiter). Mit 3-3-3- landete ich beim Nummernschloss schließlich doch noch einen Treffer, bevor irgendjemand die Zangen-Mitarbeiterin informieren musste. Wäre ja auch viel verlangt gewesen.

Auf die Hilfe anderer (Fremder) angewiesen zu sein fühlt sich entsetzlich an, finde ich.

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Fleisch gewordene Stereotype

Muchitsch, der dicke Gewerschaftsfunktionär mit kaputten Kompass für Verhältnismäßigkeit.

Strolz, der Turbokapitalist, empathisch bis zum letzten Individuum.

Schröcksnadel, der erfolgreiche Schihaserl-Versteher ohne Frauen-Nachnamengedächtnis.

Macht eigentlich irgendjemand noch Dinge, die anders sind als erwartet?

 

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