Hilfe!

Zweifel an der Menschheit in der Fitnessstudio-Umkleide. Nach dem Duschen tapste ich bewaffnet mit Shampoo, Conditioner, Duschgel, einem sehr kleinen Handtuch, patschnassen Haaren und meinem Schwangerschaftsbauch Kaliber Woche 34 zurück zu meinem Spind. In meinem Spind: Hautcreme, Kleidung, Handy, Geld, Zivilisation. Der Versuch mein Nummernschloss aufzusperren scheiterte. 3-3-5. Nichts ging. 3-3-5. 3-3-5. Alles noch mal verstellt, 3-3-5. Nichts. Schweißausbruch. 3-3-5. Kein Erfolg.

Ich atmete tief durch und hoffte auf eine stressresistente Fruchtblase. 3-3-5. So tragisch war das alles nicht – etwas ähnliches war mir vor Jahren schon einmal passiert. 3-3-5. 3-3-5. Diese billig-Schlösser klemmen oder verstellen sich gerne, und das weiß auch das Studio. Jemand hatte damals für mich beim Empfang Bescheid gegeben, eine Mitarbeiterin kam bewaffnet mit einer gigantischen Zange zurück und knipste das Schloss auf. Kein Grund zur Panik, dachte ich mir. Volle Panik, dachte sich mein Sodbrennen. 3-3-5. Nichts. Ich sprach also die Frau neben mir an: „Entschuldigen Sie, können Sie mir einen Gefallen tun, und jemanden von unten holen? Mein Schloss klemmt.“ – „Das geht jetzt nicht. Mein Kurs fängt in 5 Minuten an, der ist im dritten Stock. Fragen Sie bitte jemand anderen.“ Stand auf und ging, ließ mich, meinen Bauch und mein nasses, zu kleines Handtuch tropfend zurück.

Ehrlich baff fragte ich eine frisch geföhnte Blondine aus der Spindreihe nebenan („Ich bin gleich fertig und sag dann unten Bescheid“ – Danke, ich tropfe derweil weiter). Mit 3-3-3- landete ich beim Nummernschloss schließlich doch noch einen Treffer, bevor irgendjemand die Zangen-Mitarbeiterin informieren musste. Wäre ja auch viel verlangt gewesen.

Auf die Hilfe anderer (Fremder) angewiesen zu sein fühlt sich entsetzlich an, finde ich.

Werbeanzeigen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter seriously?

Fleisch gewordene Stereotype

Muchitsch, der dicke Gewerschaftsfunktionär mit kaputten Kompass für Verhältnismäßigkeit.

Strolz, der Turbokapitalist, empathisch bis zum letzten Individuum.

Schröcksnadel, der erfolgreiche Schihaserl-Versteher ohne Frauen-Nachnamengedächtnis.

Macht eigentlich irgendjemand noch Dinge, die anders sind als erwartet?

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter genderize, seriously?

Lean in? Go home early.

Es wird nicht einfacher, wenn man älter wird: Was ist ein gutes Leben? Brauche ich dafür einen Beruf, aus dem ich so viel Anerkennung und Sinn ziehen kann, dass ich dafür auch liebend gerne 10 Stunden am Tag dort sitze? Neben der klitzekleinen Frage, wie man eigentlich zu so einem Job kommt finde ich es manchmal noch schwieriger mir zu überlegen, was ist, wenn nicht. Also, wenn dieser Wunsch nach einem erfüllenden Beruf einfach eine relativ einfache Ausrede dafür ist, um die Frage nach dem „wozu“ an die ArbeitgeberInnen zu delegieren.

Dann müsste man sich nämlich selbst überlegen, wofür man gut ist, worin man seine Energien stecken mag, oder worauf man stolz sein will. Gar nicht so easy, finde ich – vor allem, weil es ja einer Haltung widerspricht, die, wie ich finde, von jungen akademisch gebildeten Frauen verlangt wird: lean in! Meine Übersetzung: Alles fürs Berufsleben. Zeit für Beziehung, Freundschaften, Familie, Hobbys, unbezahlte politische Projekte zu investieren ist nur erlaubt, wenn das mit der Karriere passt. Wer dann mit Kindern auf Teilzeit geht hat irgendwie versagt, es eben doch nicht geschafft, dem Patriarchat ein Schnippchen zu schlagen. Und dementsprechend ist es auch ein Stück weit die eigene Schuld, wenn selbiges Patriarchat weiterhin unbehelligt seines Amtes weilt.

Während ich studiert habe, war bei mir nur lean in: Studium, VSStÖ, ÖH, ein paar Praktika, mal ein wissenschaftliches Projekt… Die Tage waren nie lang genug, alles unterzukriegen, ich war nie rechtzeitig mit allem fertig und hab mir immer viel mehr vorgenommen, als ich geschafft hab. Gleichzeitig war gerade das politische Engagement extrem aufregend, andere Jobs haben es dagegen schwer. Auch wissenschaftliche Arbeit: Wozu macht man das, wenn man es beruflich nicht braucht? Meine Diss hält passenderweise gerade Winterschlaf. Jetzt habe ich einen Vollzeit-Job, den ich mal mehr, mal weniger spannend finde. Ich habe jedenfalls das Bedürfnis, auch in meiner Freizeit sinnstiftenden Tätigkeiten nachzugehen.

Das taugt mir meistens sehr. Ich hatte noch nie so viel schön gestaltete Freizeit, wie jetzt. Ich fand unsere Wohnung noch nie so gemütlich, kann mir für FreundInnen und Familie Zeit nehmen und wenn ich wegen meinem Rücken mal 2x die Woche zur Physiotherapie muss habe ich nicht das Gefühl, vielen wichtigen Verpflichtungen nicht nachkommen zu können. Hin und wieder kriege ich einen Rappel, weil ich eigentlich die Weltherrschaft im Berufsleben an mich reißen möchte. Dann denke ich mir, was ich unter den meisten geltenden Arbeitskulturen dafür aufgeben müsste.

Diese Erfahrung hat mich heikler gemacht, welche Jobs ich später gerne einmal haben möchte. Ich will die Weltherrschaft nur noch dann, wenn ich pünktlich heimgehen kann. Und wenns mal ein paar Stunden mehr braucht, um ein tolles Projekt fertigzumachen, will ich meine Freizeit später zurück.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter clever shit

Kennst du Blogs?

Jetzt wollte ich gerade einen Rant schreiben darüber, dass im Internet niemand über Themen bloggt, die mich interessieren.

Es ist nämlich ungefähr so: Leute in meinem Alter bloggen über Mode oder DIY oder Essen (ich auch!) oder, in speziellen Fällen, über Berufspolitik. Dabei gibt es einige andere Themen, die mich als angehende End-Zwanzigerin viel mehr beschäftigen. Zum Beispiel die ewige Unsicherheit, dass man noch immer nicht so recht weiß, was man werden will, wenn man erwachsen ist. Woher dieses Gefühl kommt, sich immer um etwas beruflich besseres bemühen zu müssen. Schreibt einfach niemand über die eigene Situation im Job, weil man sich da ja was verbauen könnte? Oder über Kinderpläne (bist du verrückt? da stellt dich ja niemand mehr ein!)? Oder ob man nicht langsam verdummt in der eigenen Filterbubble aus Home-Improvement Blogs und sophisticated reading und nichts mitkriegt von der Welt jenseits der Craft-Beer und Concept-Store-Demarkationslinie?

Darüber wollte ich mich aufregen: Wo sind die Blogs von Personen in meinem Alter, die nicht wie ein einziges RTL-Living-Programm ausschauen? Worüber ich mich eigentlich aufregen will bin natürlich ich selbst: Jetzt bin ich gut ausgebildet, kann mich sprachlich ausdrücken, bin von meiner Intelligenz einigermaßen überzeugt und verbringe meine Internet-Zeit damit, Home-Improvement- und Modeblogs zu lesen. Offline koche ich Zwetschken ein. Dann poste ich Fotos davon auf Instagram, und das ist mein Beitrag zum digitalen Abdruck meiner Generation im Internet. Zu Hilfe.

Klar gibt es tolle Blogs die darüber schreiben, was mich interessiert und berührt (schon alleine deshalb, weil es im Internet einfach alles gibt). Hoffentlich finde ich sie rechtzeitig. Also bevor ich versuche, Blätterteig selbst zu machen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter culture, irgendwas mit medien

Fertig aufgeregt.

Mein politisches Blogging- und Posting-Verhalten folgt oft dem gleichen Schema: Ich lese was im Internet, empöre mich darüber und erkläre hier, oder auf Facebook oder auf Twitter, was grad meiner Meinung nach die aktuelle Katastrophe ist. Davon hab ich jetzt glaub ich genug. Das frustet mich einfach. Auf Twitter habe ich eine „three strikes and you’re out“-Policy eingeführt – wer mich dreimal aufregt wird entfolgt, so haben ein paar österreichische Alphatwittermänner dran glauben müssen, und ich habs nicht bereut. Dafür folge ich Leuten, die ich interessant und witzig finde, an spannenden Orten wohnen, oder die Artikel posten, auf die ich sonst nie kommen würde. Ich hab mich gefragt, ob das der Rückzug ins Private ist, der mir dann mit Ende Zwanzig komplett bevorsteht. Dann habe ich mich ein bisschen mit dem Konzept „Politik und Macht sind nicht dasselbe“ auseinandergesetzt und finde sehr viel sinnvolles daran. Antje Schrupp erklärt das hier vertretene Konzept von Politik so:

„Der Vorschlag wäre also, [Politik] so zu definieren, dass Politik überall da vorhanden ist, wo sich Menschen darüber austauschen, welche Regeln in der Welt gelten sollen. Und zwar dann, wenn sie das nicht nur aus einer egoistischen Perspektive tun oder um ihre eigenen persönlichen Interessen zu vertreten, sondern um die gemeinsame Welt im Sinne aller zu gestalten. Diese Art von Politik findet natürlich nicht nur in Parteien statt, nicht nur in Parlamenten, sondern überall. Sie findet auch auf der Straße statt, in Nachbarschaften, am Küchentisch, eben überall da, wo Menschen zusammenkommen und trotz ihrer Unterschiedlichkeit Regeln finden müssen, wie sie es jetzt handhaben wollen oder woran sie sich orientieren möchten.“

Ich mag diesen Vorschlag. Und das erklärt auch meine Abneigung gegen die üblichen Internet-Diskussionen über Politik. Sie konzentrieren sich in ihrer Aufregungsökonomie ausschließlich auf einen kleinen Teil von Politik: Welche Partei hat ihre Interessen wo durchgebracht, welche ist wo gescheitert, wer ist am Scheitern schuld? Politik ist dort gleich Machtpolitik (Schrupp: „die institutionelle Ämterpolitik eben“), und das ist oft relativ öd. Nicht, dass ich was gegen institutionelle Ämterpolitik hätte – ich finde die sogar ganz gut, sonst wäre ich ja in der Sozialdemokratie schlecht aufgehoben. Aber das ist eben nicht alles. Es gibt so viele verschiedene Orte und Mittel, wo und wie Politik gemacht wird. In meiner Beziehung, meiner Familie, meinen Freundschaften, meiner Uni, meinem Job, meinen Ecken des Internet, meiner Küche, meiner SPÖ-Sektion.  Der Erfolg politischer Versuche kann sich, finde ich, nicht ausschließlich an einem Gesetzestext messen, sondern an veränderten Einstellungen, Einsichten und Kooperationen. Das ewige „der hat das gesagt – der hat das gesagt – die haben das gemacht – die haben das nicht durchgebracht“ – Geschrei darf man nicht mit Politik verwechseln. Und ich möchte in Zukunft noch viel weniger dazu beitragen, dass diese Verwechslung  die Vorstellung von Politik einengt. Fertig aufgeregt. 

Nachtrag: Den Artikel hab ich erst heute gepostet, geschrieben hab ich ihn aber schon vor Monaten (Ende August). Heut hab ich ihn nochmal durchgelesen und noch immer für postenswert befunden.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter clever shit, irgendwas mit medien, serious

KonsumentInnenmacht? eher nicht.

Jetzt wollen wir also mit der Macht des Konsums Niemetz Schwedenbomben retten, lese ich im Internet. Die Regale werden leergeräumt, um die tollen Teile weiter im Handel zu halten. Weil wir das Tschisi-Eis so sehr vermissen, darf nicht auch noch die Schwedenbombe daran glauben, und daher müssen wir KAUFEN, KAUFEN, KAUFEN.

Das freut die EigentümerInnen des Unternehmens, die in den letzten Jahr(zehnten) Niemetz ziemlich heruntergewirtschaftet haben dürften. Hohe Kapitalentnahmen, die nicht Investitionen sondern wohl einem privaten Tierliebe-Projekt dienten und eine inexistente Marketingstrategie führen dazu, dass die Arbeitsplätze von 66 MitarbeiterInnen gefährdet sind, 50 davon Frauen. (Quelle: Standard, toller Artikel, btw.). Die Solidaritäts-Kaufaktion soll nun dieses Unternehmen retten. Wozu? Die Schwedenbomben wirds weiter geben, InvestorInnen stellen sich ja eh schon an. Dank der Kaufwut der nostalgisch Veranlagten dürfte der Markenwert in den letzten Tagen auch noch ordentlich gestiegen sein. Und von einem Management, das tatsächlich das Unternehmen managed hätten wohl auch die ArbeitnehmerInnen mehr. Denn jede Soli-Kaufaktion ebbt einmal ab, und dann sind die Niemetz-Arbeitsplätze genauso gefährdet wie davor. Außerdem sind die Schwedenbomben als Süßigkeit echt nicht so super (Katharina Seiser lesen). Nichts desto trotz hat die Niemetz-Retten-Facebookgruppe über 30.000 Mitglieder.

Mich ärgerts, dass sich KonsumentInnen so leicht hinters Licht führen lassen und glauben, dass sie mit solchen Aktionen was total superes machen (Traditionsunternehmen retten oder so). Klar, die Firma dankt, weil die Kasse klingelt. Der Heini Staudinger war auch froh, als ihm das Grün-Alternative Österreich ob seiner Kampagne gegen die Finanzmarktaufsicht seine Schuhe förmlich aus der Hand riss. Dass er inhaltlich völlig daneben liegt, war denen auch wurscht – Hauptsache Zeitgeist, Hauptsache „guter Kleinunternehmer“, Hauptsache KonsumentInnenmacht. So ein Blödsinn. Wenn schon „verantwortlicher Konsum“, dann bitte nachdenken, wem ein Konsumboykott oder Konsumaufruf tatsächlich nützt und welchen Zweck er verfolgt. In der Internet-Aufregung vielleicht noch ein, zwei Artikel mehr lesen, bevor man sich zum Teil der emotional bewegten EinkäuferInnen machen lässt.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter economy for everyone, seriously?

Dinge, die in der Zeitung stehen…

… und mich irritieren, Folge 252: Vergewaltigungsberichterstattung

In Neu Dehli starb eine junge Frau an den Folgen einer Gruppenvergewaltigung. Kurz vor Weihnachten wurde in der Wiener U-Bahnlinie U6 eine Frau vergewaltigt. Zu Jahresende wurde ein Mann gefasst, der der Vergewaltigung von drei Frauen verdächtigt wird. Diese Gewalttaten sind erschütternd. Nichts desto trotz kommt mir der Tonfall der öffentlichen Debatte um diese Fälle problematisch vor.

Vergewaltigung ist ein Drama – besonders dann, wenn sie von Ausländern an den Frauen unseres Landes verübt wird, das zeigt ein Blick in den Boulevard. „Wir raten Frauen, nicht alleine in der Nacht-U-Bahn zu fahren“, so Polizei-Sprecher Thomas Keiblinger“, ist im Schundblatt Nummer 1 zu lesen. „Absolut falsch ist jedoch die Analyse, wonach es sich beim gegenständlichen Fall nur um einen Einzelfall handelt. Die Belästigungen von Frauen durch ausländische junge Männer haben in Wien in den vergangenen Jahren stark zugenommen und enden meist in Gewaltexzessen.“, klärt uns ein Polizist und FPÖ-Gemeinderat in einer Aussendung auf. Gut, das ist keine Berichterstattung, aber der mittlerweile wegen Verhetzung angezeigte Herr ist als Teil der Exekutive und Legislative weithin akzeptierter Teil unseres Staatsapparates.

Rechte Politiker und Schmierblatt-Verantwortliche finden die Gewalt gegen unsere Frauen also empörend. Und gegen Vergewaltigung ist man auch im Qualitätsjournalismus. Umfassend wurde über den brutalen Mord einer jungen Frau in Indien und die darauffolgenden Proteste berichtet. Doch dieser öffentliche Schulterschluss gegen Gewalt an Frauen hat einen Pferdefuß. Während einzelne Fahndungsfotos eines Obdachlosen, eines Ausländers und eine namen- und gesichtslose Gruppe  mörderischer Vergewaltiger in Indien gut Klicks generieren, wird gleichzeitig das Bild von Gewalt gegen Frauen und Mädchen verzerrt. Die Täter, über die sich die Öffentlichkeit empört, sind fremd („ausländische junge Männer“), am Rand der Gesellschaft (obdachlos), oder weit weg, schon fast bei den „Wilden“ (Indien). Die Täter, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Österreich verüben, sind aber tatsächlich alles andere als das. Es sind  mit überwiegender Mehrheit Bekannte, Freunde, Beziehungspartner oder Verwandte. „Am häufigsten erleben Frauen Gewalt in ihrer Familie, 90 Prozent aller Gewalttaten werden nach Schätzungen der Polizei in der Familie und im sozialen Nahraum ausgeübt.“, erklärt das Frauenministerium. Viel mehr als in der U-Bahn müssen sich Frauen in den eigenen vier Wänden fürchten. Und es ist nicht ihr unverfrorener Akt, in der Nacht allein U-Bahn zu fahren, und auch nicht die Taktung der Wiener Linien, die Vergewaltigungen provozieren. Es sind Täter, die sie ausüben.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter genderize, irgendwas mit medien