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Das Baby gewinnt.

Beim Frühstück zerlegte Nora zwei Scheiben Schwarzbrot in ihre Einzelteile. Sie kaute lange und gewissenhaft darauf herum, den so entstehenden Brei arbeitete sie sorgfältig in die Tischplatte ein. Brot mit Babyspeichel ist ein faszinierendes Produkt. Würde man einen Weg finden, das Gemisch in Uhu-Tuben zu füllen, man könnte mit dem ökologischen und billigen Ersatzkebestoff reich werden. Man könnte ihn auch als Mörtel verwenden und ein Haus der Bauklasse 5 damit errichten. Denn einmal festgetrocknet, wird der Brei hart wie Stein und lässt sich nie wieder entfernen. Dieser unglaubliche Werkstoff hat sich in unserem Leben festgeklebt. An den Griffen der Küchenkästen, am Hochstuhl, an jedem Spielzeug, am Boden, an den Bodys, am Kinderwagen, an meinem Schlüsselbund. An den Stofftieren, am Trinkbecher, am Spiegel, in meinen Haaren. Ich halte meinen Widerstand gegen die Dreckinvasion nicht mehr aufrecht. Der Krieg ist verloren, die Schlachten sind Ressourcenverschwendung.

Früher fand ich es richtig ekelig, wenn in Wohnungen in denen ich zu Gast war, Oberflächen klebrig und schmierig waren. Wie geht das überhaupt, klebrig und schmierig gleichzeitig? Die Antwort darauf ist Butterbrot, und das Massaker, das Nora damit anrichtet, lässt mich absolut kalt. Bis zu diesem Punkt war es ein längerer Lernprozess, zu Beginn versuchte ich noch das Baby davon abzuhalten, sich oder etwas anderes dreckig zu machen. Jetzt lache ich in mich hinein, wenn Daniel es noch immer probiert („Nein, Nora, nicht in die Ohren!“). Sie schaut verwundert, hält kurz inne, und setzt ihre ordnungszerstörende Tätigkeit fort. Ich mache nur noch Videos davon, es ist eine Frage der Zeit bis Daniel meinem Beispiel folgt. Ein erstes Baby erzieht seine Eltern. Es trainiert sie, mit wenig Schlaf auszukommen, führt sie an Grenzen des Ekels heran und lässt sie darüber hinauswachsen. Ich bin nicht die erste Person, die diese Strategie durchschaut:

„Wenn man weise genug war, um zu erkennen, dass dieses Leben hauptsächlich darin bestand, Wünsche loszulassen, warum sollte man sich dann nicht im Loslassen übern statt im Streben nach Erfüllung? Solche exotischen Offenbarungen blubberten einfach so hoch, und ich begriff allmählich, dass Schlafentzug, Wachsamkeit und ständiges Füttern eine Form von Gehirnwäsche waren, ein Prozess, in dessen Verlauf mein altes Ich langsam, aber beständig umgeformt wurde zu etwas Neuem: einer Mutter. Es schmerzte. Ich versuchte, den Prozess bewusst mitzuverfolgen, so als würde ich bei meiner eigenen Operation zusehen. Ich hoffte, ich könnte noch eine winzige Ecke meines alten Ichs bewahren, gerade genug, um andere Frauen zu warnen. Doch mir war klar, dass das wahrscheinlich nicht funktionieren würde; nach Abschluss dieses Prozesses würde nichts mehr von mir übrig sein, das sich beklagen konnte, dann tat es nicht mehr weh und ich erinnerte mich nicht mehr.“ (Miranda July, Der Erste Fiese Typ Roman)

Das Baby gewinnt, wir sind verloren, man muss es akzeptieren. Liebe Menschen ohne Kinder, bitte besucht uns weiterhin. Setzt euch auf die Couch, greift nichts an (es könnte klebrig sein), erzählt uns aus eurem sauberen Leben. Aber wenn ihr Kinder möchtet, lasst euch von Horrorgeschichten nicht abhalten. Man gewöhnt sich an alles, vor allem, wenn es so putzig ist wie ein Baby.

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