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in der Wartehalle.

eine unsystematische Meinung zur Causa Studienwahl-Massenfächer-Jobchancen

Publizistik-Studierende sind dumm. Und wer Politikwissenschaften macht, dem/der ist nicht mehr zu helfen. Und diese TheaterwissenschaftlerInnen – wer braucht denn die bitte?

Studierende, die sich a) für eines der so genannten Massenfächer und b) dabei nicht für Wirtschaft oder Jus entscheiden, wird ja landläufig Schwachsinn unterstellt. Sie würden mit ihrer Verlegenheitslösung die Institute unter Druck setzten, obwohl sie das ja nicht einmal wirklich studieren wollen. Und auch wenn sie es studieren, haben sie am Ende einen good-for-nothing Abschluss und brauchen sich nicht aufregen, wenn sie sich mit der Jobsuche schwer tun.

So ungefähr lässt sich die momentane Debatte im Bezug auf Studienwahl – Massenfächer – Arbeitsmarkt nachzeichnen. Die Schuldigen sind schnell identifiziert: Studierende (solche Trotteln, aber wirklich). Und zwei Lösungen sind in Sicht: Nummer eins: Zugangsbeschränkungen. Neben dem Argument der Nicht-Studierbarkeit von Studienrichtungen ob des ungeheuerlichen Ansturms kommt hier immer wieder das „so viele Publizistik-Studis brauchen wir ja nicht“ -Arbeitsmarktargument zum Vorschein. Zugangsbeschränkungen sollen einen arbeitsmarkttechnschen Lenkungseffekt haben.

Lösung Nummer zwei: Bessere Studienwahlberatung. Die neue Wunderwaffe der HochschulpolitikerInnen aller politischen Lager soll das Problem Massenfächer an der Wurzel beheben und derart unorientierte und ziellose Studierende schon vor dem Eintritt in die Hochschule zu zielstrebigen jungen Menschen machen. Weil die studieren ja nur Publizistik, weil sie ihre Möglichkeiten nicht kennen.

Ich bin da ja skeptisch. Erstens find ich es immer absonderlich, wenn Leute, die sich der „unsichtbaren Hand“ verpflichtet fühlen plötzlich von Lenkungsnotwendigkeiten der Studierendenströmen sprechen. Abseits dieser Schizophrenie wird in der Diskussion weder festgehalten, dass unser Arbeitsmarkt mit Sicherheit nicht selbstregulierend funktioniert, oder dass kurzfristige Zulieferungssteuerungsmechanismen (was z. B. arbeitsmarktbezogene Zugangsregelungen wären) einfach nicht besonders sinnvoll (weil kaum planbar) sind.

Auf der anderen Seite glaube ich auch nicht, dass eine verbesserte Studienwahl (und versteht mich nicht falsch, Verbesserungspotential gibts hier auf alle Fälle) das „Massenfächer-Problem“ lösen wird können. Eine gut vorbereitete Studienwahl soll nach Meinung Vieler auf die zukünftige Berufslaufbahn abgestimmt sein.  Jetzt taucht spätestens im 21. Jahrhundert aber insofern ein Orientierungsproblem auf, als 1) zwar die Wirtschaft wächst, die Anzahl der Jobs aber nicht in gleichem Maße, 2) viel mehr Menschen als vor 20 Jahren Matura bzw. einen Hochschulabschluss haben, 3) sich der Arbeitsmarkt sich sowohl in den Jobmöglichkeiten als auch in den Anstellungsformen diversifiziert hat, aber auch 4) prekärer wurde.

Das Versprechen, dass ein Hochschulabschluss sozialen Aufstieg (oder einfach gute Berufsaussichten) mit sich bringt, wird nicht eingehalten. Nichts desto trotz sind jene, die in der Bildungsleiter weiter unten stehen, noch viel mehr am Arsch. Deshalb bleibt den 18 oder 19 Jährigen mit Matura auch heute kaum was anderes übrig, als sich in einem Hochschulstudium zu versuchen.

SchülerInnen (bzw. deren Eltern) lernen sehr früh, dass ohne Bildungstitel gar nichts geht – wer keine Matura machen will, kann sich quasi gleich eingraben. Die Studienwahl, die anschließend getroffen wird, ist prinzipiell ja nicht schlecht vorbereitet, sondern einfach Resultat einer Orientierungslosigkeit. Entweder, Studierende haben bestimmte Berufsfelder mit entsprechendem sozialen Status vor Augen – die rennen den Wirtschaftsunis, juridischen Fakultäten und Medizin-Aufnahmetests ja eh die Türen ein. Alle anderen suchen sich dann halt irgendetwas aus, wovon sie zumindest glauben, dass es ihnen Spaß machen könnte.

Das Studium selbst wird dann in den wenigsten Fällen als fachliche Vorbereitung für einen Beruf gesehen. Vielmehr verschafft es den Studierenden mehr Zeit, sich am Arbeitsmarkt umzusehen, verschiedenen Felder kennen zu lernen, 3, 4, oder 5 Jahre vielleicht den eigenen Interessen wissenschaftlich nachgehen zu können und am Ende mit einem Titel dazustehen.

Wenn mensch sich also grundsätzlich überlegt, warum so viele Studierende Massenfächern belegen, sollte zu Beginn einmal gefragt werden, welche Alternativen für diese Studierenden überhaupt möglich sind. Die Arbeitsmarktsituation sagt „keine“, und das muss in der Diskussion erst mal akzeptiert werden. (Dasselbe mit dem „schneller Studieren“ – Argument. Wer will denn schon, dass die Leute, die grad in der tertiären Ausbildung geparkt sind, schneller auf den Arbeitsmarkt drängen? Jene, die für Arbeitslosenstatistiken verantworltich sind, sicher nicht). Die Unternehmen warten nicht mit offenen Armen auf AbsolventInnen, die Schuld des Versagens am Arbeitsmarktes mit der falschen Studienwahl zu begründen macht es den politisch Verantwortlichen zu leicht.

Wenn also Ulrich Beck (ich weiß, ich weiß, viele von euch finden den doof) sagt, dass Studierende ein bisschen wie Wartende in der Wartehalle eines Geisterbahnhofes sind, hat er damit nicht unrecht. Auf welchem Gleis wir dabei stehen, macht dabei keinen großen Unterschied mehr.

„In nur geringfügiger Übertreibung und Zuspitzung kann man sagen, daß die von Arbeitslosigkeit betroffenen Teilbereiche des Bildungssystems heute mehr und mehr einem Geisterbahnhof gleichen, in dem die Züge nicht mehr nach Fahrplan verkehren. Dennoch läuft alles nach den alten Mustern ab. Wer verreisen will -und wer will schon zu Hause bleiben, wo das Zuhausebleiben Zukunftslosigkeit bedeutet-, muß sich in irgendwelche Warteschlangen zu den Schaltern einreihen, an denen Fahrscheine für Züge vergeben werden, die meist sowieso überfüllt sind oder nichts mehr mit der ausgezeichneten Zielrichung abfahren. Als sei nichts geschehen, verteilen die Bildungsbeamten hinter den Fahrkartenschaltern mit großem bürokratischen Aufwand Fahrkarten ins Nirgednwohin und halten die sich vor ihnen bildende Menschenschlange mit der „Drohung“ in Schach: „Ohne Fahrkarten werdet ihr nie mit dem Zug fahren können!“ und das Schlimme ist, sie haben auch noch recht…!“ (Ulrich Beck, Risikogesellschaft, Franfurt am Main 1986, S. 238)

Vielleicht ist er eher schlechter Poet als Soziologe, aber zumindest der Absatz war recht weitblickend.

Die Studierenden in Massenfächern wissen sehr genau über ihre prekäre Situation bescheid. Sie leben als Studierende von prekären Jobs, und sie wissen, das sich das, wenn sie einmal fertig sind, nicht bedeutend verbessern wird. Dass das aber nicht an ihnen, sondern einer gesellschafltichen Entwicklung liegt, muss in Zukunft deutlicher ausgesprochen werden.

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